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Mittwoch, 16. April 2025

Auf Jakobswegen ans Ende der Welt


Gehen ist eine Tugend, Tourismus eine Todsünde.
Werner Herzog
What life has taught me I would like to share
with those who want to learn

Bob Marley

Himmelspfad und Sternenfeld ist kein Wanderführer, ich sage es lieber gleich. Ich erzähle auch nicht kontinuierlich von einer Fußreise, die dann doch zu einer Pilgerfahrt wurde, biete keine monotone Tag-für-Tag-Beschreibung vom Ausgang der Wanderung bis an ihr Ende, beschreibe nicht minutiös einen Tagesablauf nach dem nächsten. Obwohl ich das auch tue, denn es gehört zu einer Wanderung, dass die Ereignisse des Tages und der bewältigte Weg Schritt für Schritt und Tag für Tag immer wichtiger werden, weil sie dem Wanderer, dessen Körper wochenlang nichts anderes unternimmt, als zu gehen, zu essen und zu schlafen, ihren Rhythmus auf den Leib schreiben. Ich erzähle von mehr und von anderem. Das eine oder andere Zitat, die eine oder andere Bemerkung, mag sich auf der einen oder anderen Seite wiederholen, weil sie zu den geschilderten Ereignissen passen, denn ich habe die Erzählungen meiner Wanderungen nicht kontinuierlich geschrieben, sondern an mehreren Orten, unter unterschiedlichen Umständen, mit langen Pausen zu verschiedenen Zeiten. Sie zu »säubern« oder auch nur zu glätten, fällt mir nicht ein, denn sie würden das Spontane verlieren, das dem Erlebten eigen ist.

Montag, 14. April 2025

Peregrinos und Turigrinos


Du kannst den Weg nicht
gehen, bevor du nicht
zum Weg geworden bist.

Zen-Koan

Gerade geht die Sonne auf, als ich über die Brücke des Río Oya die ich Santo Domingo zu verdanken habe, seine Stadt verlasse. Die sanftfingrige Eos, die Göttin der Morgenröte, hat so früh ihren wunderschönen, zart blassrosa Hauch über den Horizont gebreitet. Ein fast unwirklicher Eindruck, verglichen mit den trüben letzten Tagen.

Samstag, 12. April 2025

Santo Domingos Hühner


Der Grund, warum ich reise, ist ganz derjenige eines Spaziergängers, welcher
es liebt, sein Auge an ganz unterschiedlichen Bildern zu ergötzen.

Karl May

In meinen Jugendjahren habe ich die Reise- und Abenteuererzählungen von Karl May verschlungen. Ich war zwölf Jahre alt, vielleicht ein oder zwei Jahre älter. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke weitergelesen habe, nachdem meine Mutter das Licht ausgeschaltet hat. Ich glaube auch, dass ich es dieser Lektüre verdanke, Ethnologe geworden zu sein. Die Fremde, und die dort vermutete Exotik, hat mich schon sehr früh fasziniert. Schon als Kind wollte ich Forscher werden. Seit ich nicht mehr erwerbstätig bin, und nur noch für mich verantwortlich sein muss, forsche ich auf Jakobswegen.
Ich habe heute ein »Wandertief«. Das ist nichts Neues, und kommt gelegentlich vor. Ich fühle mich lustlos, meine Füße und Beine sind schwer, und ich spüre meine Muskeln schwach und träge. Nichts fühlt sich nicht nach Zwanzig-Kilometer-Wanderung an. So weit ist es nach Santo Domingo de la Calzada. Meine Muskeln betteln nach einer Pause. Man soll auf den Körper hören. Sagt man das nicht? Irgendetwas stimmt nicht mit mir. Dann werde ich den Bus nach Santo Domingo de la Calzada nehmen. Meine erste Busetappe des Camino Francés. Mein körperliches Missempfinden hängt mit dem Weg zusammen. Ich hadere seit ein paar Tagen mit der aufgeregten Atmosphäre, mit den vielen Pilgern, dem Gedränge in den großen Herbergen. Kein Wunder, dass ich mich psychisch angeschlagen fühle. Nun ist der Camino Francés nicht mein erster Jakobsweg und ich habe ich bisher andere Erfahrungen gemacht.

Donnerstag, 10. April 2025

Erinnerungsspuren am Jakobsweg


Peregrino ¿Quien te llama?
Que fuérza oculta atrae
Ni es campo de las estrelles
Ni las grandes catedrales

Poema del Camino, anonym

Der Weg hinaus aus Logroño ist langweilig, die städtische Landschaft uninteressant und gesichtlos. Ich könnte überall in Spanien sein. Es dauert lange, bis ich den richtigen Weg gefunden habe, denn die Wegweisung ist schlecht - für eine Stadt, die den Pilger mit dem Slogan Logroño, el ciudad del peregrinos begrüßt. Unterwegs finde ich eine Bar für Croissant und einen Café con leche früh am Morgen. Die Menschen, denen ich begegne, schauen mich mürrisch an und blicken demonstrativ in eine andere Richtung, als ich ihnen begegne. Nur wenn ich sie grüße, grüßen sie flüchtig zurück, und ich bekomme ein verhuschtes Buen Camino. Es sind die älteren Passanten, die das tun, für die jungen bin ich Luft. Die Straßen der Stadt summen im morgendlichen Berufsverkehr, belebte Geschäftsstraßen. Kreuzungen und Kreisverkehre, die eine oder andere zwischen Häuserzeilen eingeklemmte Grünfläche mit Schulkindern, Joggern und Hundebesitzern, die ihren in Wohnungen gefangenen Lieblingen eine kurze Zeit die Welt der Düfte gönnen, die mehr versprechen, als ihre Herrchen und Frauchen ihnen erlauben. Am Stadtrand führt ein Freizeitweg hinaus in die ländliche Rioja, von Zypressen gerahmt, zweispurig, asphaltiert, ordentlich getrennt für Fussgänger und Radfahrer. Und wieder Jogger, zwischen ihnen morgendliche Spaziergänger und der eine oder andere Radfahrer. Und für mich: Wieder die freie, von Gebäuden unbehinderte Aussicht in die Landschaft.

Ritualorte am Ende der Welt


Willkommen am Anfang des Meeres
wo man die Welt Fisterra nennt

Roberto Traba Velay

Ist Zeit das Rad, das sich dreht,
oder die Spur, die es in die Erde gräbt?

Kelstars Rätsel

Und wieder schau ich auf das weite Meer hinaus . . . Der Song ist altbekannt, doch Madagaskar nicht in Sicht. Noch einmal Mal bin ich in die Klippen am Cabo de Finisterre geklettert. Das Meer ist heute ruhig. Die Wellen flach, nicht schaumgekrönt, wie beim letzten Mal, als sie wütend gegen die Klippen brandeten. Der Horizont ist dunstverhangen. Möwen schweben über die sanfte Dünung, ein weißes Segelboot, sonst nichts. Die Weite ist vollkommen. Willkommen am Anfang des Meeres. Am Ende des Wegs. Von hier aus geht es nur noch zurück. Was einst nur wenige und unter großen Schwierigkeiten und persönlichen Opfern verwirklichen konnten, das kann heute jeder. Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Doch dass das so ist, darin liegt gleichzeitig ein Problem. Selbstverwirklichung ist eine Errungenschaft unserer Zeit.

Samstag, 5. April 2025

Endstation Burgos


Nach und nach, Schritt für Schritt verkleinert sich
alles auf ein natürliches Maß. Die Reduzierung
aufs Wesentliche intensiviert das bewusste Erleben.

Achill Moser

Die Sentenz vom Weg, der das Ziel ist, inzwischen zum Kalenderspruch avanciert, den jeder kennt und gerne zitiert, suggeriert die Parallelität von Gehen und Leben, von der Fußreise, die eine Reise durch das eigene Leben ist, von Entscheidung zu Entscheidung, wie von Ort zu Ort, Schritt für Schritt, ohne sich stets eines konkreten Ziels bewusst zu sein. Auf meinen Fußreisen habe ich gelernt, einen einmal gefassten Plan loszulassen und mich dem Hier und Jetzt hinzugeben.

Donnerstag, 3. April 2025

Endlich La Rioja


Weil es nur der gerade Weg ist,
der zum Ziel führt.

Grafitti, anonym

Camino recto, camino erguido
Instituto Europeo

Fünfundachtzig - in Zahlen 85 - Kilometer durch Navarra, vier Tage - Puente la Reina, Estella, Villamayor de Monjardín Torres del Río, nur noch 11 Kilometer bis Viana, durch die sanften Hügel und Weinfelder von Navarra. Eindrücke gesammelt für mehrere Wochen, wenn nicht Monate. Während ich Worte aufschreibe, ist fast schon ein Jahr, seit ich in Navarra war. Heute Abend bin ich Logroño, der Hauptstadt des Weins: Rioja-Wein aus der Tempranillo-Traube. Irgendwo zwischen Viana und Logroño habe ich eine unsichtbare Grenze überquert. Von einer Provinz in eine andere. Gerade noch in Navarra, schon in La Rioja. Mit einem Schritt; er musste nicht einmal groß sein. Nicht nur eine territoriale Grenze, auch eine der Erinnerungen, die ich in den letzten Tagen gesammelt habe, und die nun für immer mir gehören. So einfach ist es, eine Grenze zu überwinden. So einfach sollte es für alle Menschen sein.

Montag, 31. März 2025

Berggärten und Flusstürme


Die Rückkehr einer Reise hat
für mich seit jeher einen bitteren
Beigeschmack: Kaum zu Hause,
träume ich schon wieder mit einer
Weltkarte vor Augen von neuen
Ländern und berausche mich an
Erzählungen aus der Ferne und dem
Zauber fremdländischer Namen.

Marie-Édith Laval

Der Weg ist das Ziel heißt es, aber das ist nicht immer so. Am Ende trägt der Weg den Sieg davon, muss auch Jean-Christophe Rufin feststellen. Wenn es um den Jakobsweg geht, tut man sowieso nie, was man will. Der Camino de Santiago führt an das Ziel aller Ziele, so glaubt der Pilger, noch naiv vor der eigenen Haustüre, der sich seine Fußreise imaginiert. Der Camino de Santiago ist ein besonderer Weg. Natürlich ist jede Fernreise etwas Besonderes, da bildet der Camino keine Ausnahme. Doch anders als andere Wege ist er mit Spiritualität aufgeladen. Der Spiritualität, den Pilger seit nun mehr als tausend Jahren in den Weg eintreten, mit den vielen Klöstern, Einsiedeleien, Kapellen, Kirchen und Basiliken und den spirituellen Bedürfnissen, die jeder Pilger im Herzen mit auf den Weg bringt.

Jeder Ort am Camino Francés ist nicht mehr als ein Durchgang durch eine Welt, in der ich weniger als ein Zaungast bin. Eingetroffen, ein Hauch der Atmosphäre eingesogen, schon wieder vorbei. Ich bin nur Gast auf Erden! Weiter und immer weiter, das Los des Pilgers. Fremd gekommen, fremd gegangen. Peregrino!

Mittwoch, 26. März 2025

Estella am Sternenweg


There`s a natural mystic
Blowin` through the air
If you listen carefully
Now you will hear

Bob Marley

Ich mache keine Reise, sondern viele kleine Reisen, die sich wie ein Puzzle allmählich zu einem Bild fügen. Jeden Tag muss ich mich neu motivieren. Kein Tag ist wie ein anderer. Eine Fernwanderung ist ein Rodeo; einmal bin ich oben, dann stürze ich ab, und ich weiß nie, ob es geschieht oder wann es so weit ist. Deshalb ist es so wichtig, meinen eigenen Rhythmus zu finden, mein eigenes Tempo: physisch und physisch. Es geht mir schon lange nicht mehr um Effizienz. Es geht um Suffizienz, um Genügsamkeit, Selbstbegrenzung, Konsumverzicht, Entschleunigung, ganz allgemein, um das Abwerfen von Ballast. Slow Food / Slow Travel. Im Zeitalter der Hypermobilität ist regelmäßig zu gehen subversiv. Durch das Pilgers habe ich die Langsamkeit wiederentdeckt, schreibt Susanne Laser in ihrem vergnüglichen, und darüber hinaus sehr lehrreichen Pilgerbuch Kein Hawaii, und gespürt, wie zerstörerisch es für den Körper ist, einem fremden Tempo ausgesetzt zu sein. Der Entschleunigung, der Wiederentdeckung der Langsamkeit, hat sich der Verein zur Verzögerung der Zeit verschrieben. Was die anderen tun, das ist, was die anderen tun. Ich kann nur ich sein. Was ich auf einer Fernwanderung lernen kann, denn nichts anderes ist pilgern, ist bei mir zu sein, mich nicht erst zu finden, sondern von Beginn an Ich zu sein. Woher weiß ich, wer Ich bin? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, brauche ich nur nach innen zu spüren. Wer sonst als Ich kennt die Antwort auf diese Frage.

Sonntag, 23. März 2025

Auftakt in Navarra


Es gibt nichts Schöneres als
den Augenblick, der einer Reise
vorangeht, den Moment, in dem der
Horizont von morgen uns besucht
und uns Versprechungen macht.

Milan Kundera

Ich habe mich schon oft gefragt: Wie bin ich auf die Idee gekommen, erst nachdem ich pensioniert war, auf den Jakobsweg zu gehen? Und mehr noch: Warum will ich das immer wieder tun, nun bereits zum dritten Mal? Wenn ich nachdenke, mein Bedürfnis hinterfrage, fallen mir rationale, nachgereichte Gründe ein, die etwas erklären wollen, was nicht zu erklären ist, denn es ist irrational. Die Antwort, die mich letztlich überzeugt: Es muss einen Jakobswegvirus geben. Angesteckt wurde ich bereits in den 1970er Jahren, als ich mit Freunden zufällig in Santiago de Compostela ankam, ohne etwas von einem Jakobsweg zu ahnen oder davon, dass man ihn pilgern kann. Es gab eine lange Inkubationsphase, in der ich viel gewandert und gereist bin, doch schließlich brach die Krankheit unbemerkt aus, nur konnte ich mir die Symptome lange Zeit nicht erklären.

Donnerstag, 20. März 2025

Ein Wiedersehen mit Fiesta


Die Welt ist voller offensichtlicher Dinge,
die nie jemand wahrnimmt
.
Arthur Conan Doyle

Dem Regionalzug nach Pamplona fehlen die Fahrgäste. Mein Abteil ist fast leer. Dafür habe ich endlich Raum genug, freie Platzwahl, und muss mich nicht drängeln. Verlassene Landbahnhöfe folgen aufeinander. Casetas, Cabañas de Ebro, Pedrola, Gallur, unmerklich, der Übergang von Catalonia nach Navarra, Cortes de Navarra, Ribaforada, Tudela de Navarra, Castejón de Ebro, Villafranca de Navarra, Marcilla de Navarra, Tafalla, Pamplona / Ituña Estación. Die meisten von ihnen vernachlässigt und altersschwach. Defekte Uhren die irgendwann aufgegeben haben. Die Zeit erstarrt.
Gemächlich gleitet der Zug durch die katalanische Landschaft. Die Fenster sind zur Hälfte mit Graffiti bedeckt. Schwarze, rote und grüne Spitzen, die etwas Scharfes, Stechendes haben. Trotzdem gelangt mein Blick nach draußen. Die Landschaft, die vorüberzieht wie auf einem Schirm, ist trocken. Ein mattes Grün, sandbraun gefleckt. Unter einem bleigrauen Himmel macht das Land einen verschmutzten Eindruck. In der Ferne Hügel, eine Barriere, unüberschaubar. Wie wohl das Land auf der anderen Seite aussieht? Nichts lädt mich zum Wandern ein.

Mittwoch, 12. März 2025

Gestrandet in Pamplona


Wenn es um den Jakobsweg geht,
tut man sowie nie, was man will. Man
mag alle möglichen Vernuftsgründe
ins Feld führen und Pläne aufstellen
- am Ende trägt der Weg den Sieg
davon.

Jean-Christophe Rufin

An Barcelonas Arc de Triompf herrscht morgens vor acht Rush Hour. Die Waggons der Metro nach Barcelona Sants quellen über. Mit Mühe quetsche ich mich zwischen die Fahrgäste, die irgendwo hin zu ihrer tödlichen Routine eilen. Körperkontakt vor dem Frühstück ist nicht mein Fall. Im Bahnhof Sicherheitskontrollen wie am BER-Airport. Nur ohne Körperscan.
Der Schnellzug nach Madrid ist voll besetzt. Außer mir steigen nur ein paar weitere Fahrgäste in Zaragosa aus. Als ich den Bahnhof sehe, bin ich froh, nicht den Nachtbus genommen zu haben. Mitten in der kalten Nacht, von drei bis sechs, auf den Anschlusszug nach Pamplona zu warten, wäre kein Vergnügen geworden. Das Bahnhofsgebäude ist riesig, und trotzdem provinziell, die Umgebung nüchtern. Urban und leer. Ein Casa de Pinchos, keine Cafeteria, keine Bar, kein Kaffee. Als ich ankomme, hat der Zug nach Pamplona noch keinen Bahnsteig. Gelangweiltes Warten.

Montag, 10. März 2025

Was zuvor geschah


[El camino] está nuestra canción
Es cómo el viento, el mar y el sol
Tiene el calor de verdad,
la felicidad

Pedro Alonso feat. Tristan Ulloa

Seit meiner Kindheit kenne ich das Phänomen, das die Zoologen Zugunruhe nennen, nur zu gut. Mich hat es schon immer hinausgezogen, in die Nachbarschaft, in die Umgebung, in andere Gegenden, hinaus in die Welt. Ich erinnere mich gut daran, wie ich mit fünf Jahren das erste Mal von zu Hause weggelaufen bin, von der Polizei gesucht und nach Hause gebracht werden musste. Weglaufen haben es die anderen genannt. Ich hatte nicht die Absicht, mich davon zu machen, mir überhaupt nichts dabei gedacht. Alles war neu und interessant.

Mittwoch, 5. März 2025

Auf den Spuren der Kerkelings


And take me disappearing through the smoke rings of my mind
Down the foggy ruins of time
Far past the frozen leaves
The haunted frightened trees
Out to the windy beach
Far from the twisted reach of crazy sorrow
Yes, to dance beneath the diamond sky
With one hand waving free
Silhouetted by the sea
Circled by the circus sands
with all memory and fate
Driven deep beneath the waves
Let me forget about today until tomorrow

Bob Dylan

Eigentlich beginnt eine Pilgerfahrt jeden Tag neu.
Hape Kerkeling

Jetzt, wo ich mich entschieden habe, dem französischen Weg eine Chance zu geben, habe ich zwei sehr unterschiedliche Bücher zum Thema gelesen, die irgendwann in meinem Bücherregal landeten. Eins davon war Hape Kerkelings Camino-Buch mit dem lockeren Titel Ich bin dann mal weg. Das andere, Auf dem Jakobsweg. Tagebuch einer spirituellen Reise zu vorchristlichen Kultstätten, schrieb der Musiker und Amateur-Keltologe Ferdinand Ledwig. So verschieden die beiden Bücher sind, so verbindet sie das Bekenntnis der Autoren, spirituelle Erfahrungen auf dem Weg gemacht zu haben. Kerkelings Buch schenkte mir meine Tochter, als der Film 2015 in die deutschen Kinos kam, und sie an der Promotion beteiligt war. Teil des Merchandisings. Ich habe es jetzt gelesen, nachdem es jahrelang unbeachtet in meinem Regal stand, weil der französische Weg, inzwischen als Pilgerautobahn verrufen, für mich eigentlich nie in Frage kam. Trotzdem hat mich der Gedanke, ihn eines Tages doch noch zu gehen, nie ganz verlassen.

Sonntag, 5. März 2023

Die letzten Schritte


Entfalte deine Gedanken zu den milchweißen Spuren,
die noch kein Unbesonnener zu träumen gewagt hat.

Hawad

Ich habe es mir anders überlegt. Über dem Weg nach Muxía, über das Kap am Ende der Welt hinaus, hängt der Nimbus der Vermeidung der Endlichkeit. Wer aber einen schönen Traum geträumt hat, erzählt uns Wilhelm Schmidt, mag in der Realität nicht mehr leben. Der Weg nach Muxía ist kein Camino de Santiago mehr. Schon die hundert Kilometer nach Finisterre Jakobsweg zu nennen, fällt mir schwer. Und jetzt auch noch die zusätzlichen dreißig Kilometer nach Muxía: Unmöglich! Die Pilgerfahrt endet in Santiago de Compostela, am Grab des Apostels. Jenseits der Jakobusstadt beginnt die profane Wanderung durch das schöne Galicien. Der wahre Pilger beendet seine Fußreise auf dem Sternenfeld, vor der Kathedrale in Santiago de Compostela. Was folgt ist Tourismus.
Nach der wochenlangen Fußreise fällt es mir plötzlich schwer stehen zu bleiben, morgens nicht mehr meinen Rucksack zu packen, ihn zu schultern, und nach einem kargen Frühstück weiterzugehen, immer weiterzugehen. Den ganzen Tag unterwegs im Freien, nur zum Schlafen unter ein Dach zu kriechen. Die Sonne, den Wind und den Regen, ungefiltert auf der Haut zu spüren. Wie habe ich mein Leben bisher nur ohne diese täglichen Atmosphären verbringen können, es ausgehalten, mich fast den ganzen Tag sitzend in Räumen aufzuhalten.

Mittwoch, 1. März 2023

Fisterra Blues


Aber für zwei Weltmeere brauche man
eben, wie für einen Göttervogel,
vor allem eines: Zeit.
Irgendwann in ihrem Lauf
zeige sich schließlich selbst
das Scheueste und Verborgendste.
Irgendwann werde alles offen
.
Chistoph Ransmayr

Der Blues des Wanderns trägt die Vergänglichkeit im Gepäck. Fisterra! Weiter kann ich nicht mehr gehen. Bin ich angekommen? Ich weiß es nicht. Ich spüre, eine Unruhe, die wohl bedeutet: Ich bin noch nicht bereit. Ich bin vor ein paar Tagen in dem kleinen Ort am Atlantik, im Nordwesten von Galicien, eingetroffen. Ich habe das Gefühl, die Zeit auf dem Camino de Santiago liegt schon lange zurück. Es ist früh am Nachmittag. Mir ist angenehm warm, umweht von einer sanften Brise, die nach Meer riecht. Es ist ruhig in den Gassen. Die Einheimischen gehen anderswo ihren alltäglichen Aktivitäten nach. Nur hin und wieder schlendert ein Pilger auf seinem Weg zum Kap vorbei. Kassiopeia heißt eins der Cafés in Fisterra. Es ist nicht allein wegen des Namens ein besonderes, sondern weil es ein deutsches Café ist, geführt von deutschen Frauen. Was das bedeutet, erübrigt sich eigentlich zu sagen! Ein Hauch von Heimat liegt in der Luft. Nach zweieinhalb Monaten unterwegs sitze ich natürlich gerne hier, auch wenn der Kaffee nur halb so gut ist, wie in den spanischen Bars nebenan. Die Schildkröte Kassiopeia in Michael Endes Roman Momo symbolisiert die Qualität der Zeit, die dann am schönsten ist, wenn sie in glücklichen Momenten einen Augenblick verweilt. Dauer verlangen heißt: sie zu verärgern. Kassiopeia kann beides, vorwärts und rückwärts gehen. Paradoxerweise fließt die Zeit mit allem, was zu ihr gehört, schnell an ihr vorbei, wenn sie langsam rückwärts geht. Dabei bewältigen sich alle Widrigkeiten wie von selbst. Es ist ein Genuss, das Gefühl bewusst zu erleben, das eine entschleunigte Lebensweise mit sich bringt. Es kommt auf den richtigen Gebrauch der Zeit an.

Dienstag, 21. Februar 2023

Jenseits von Santiago de Compostela


wie schön ist die Welt ... sing,
damit ich in meiner Zelle tanzen kann,
mit meinem Schatten,
auf Zehenspitzen, zu deinem Lied,
in dem alles Bewegung ist,
alles Straße, alles Horizont, alles Wind und Regen

Michael Obert

Wer von Anfang an weiß, wohin ihn der Weg führt, kommt nicht weit, warnt ein Sprichwort. Doch ans Cabo de Finisterre ist die Entfernung nicht weit genug, um das Ziel beim Gehen aus den Augen zu verlieren. Der Weg ist nicht länger das Ziel. Ich bin seit sechs Wochen zu Fuß unterwegs. Auf der Walz, wie manch ein Handwerker noch heute. Aber auch der Ethnologe, und der Schriftsteller, der er schließlich ist, findet sein Werk draußen in der Welt. Es gab eine Epoche, da war niemand Meister, der sich nicht unterwegs weitergebildet hat. On The Road, was klingt treffender. Von Alan Ginsberg, Jack Kerouac und Aldous Huxley geadelt und seitdem tausendfach wiederholt. Wenn auch in neuem Gewand. Manche Gesellen lassen sich noch immer auf diese altehrwürdige Rite de Passage ein, bevor sie Mann und Meister sind. Drei Männer und eine Frau habe ich in Zimmermannstracht in den Gassen von Santiago de Compostela getroffen. In schwarz und weiß, mit breitkrempigem Hut, weißem Hemd und schwarzer Weste, das Messer am Gürtel ihrer groben Cordhose, mit dem knorrigen Wanderstock aus Wurzelholz in der Hand. Gesellinnen haben endlich Einzug ins Handwerk gehalten.

Dienstag, 14. Februar 2023

Die Causa Jakobus


Lauf nicht dahin, man weiß nicht,
ob Sankt Jakob oder ein toter Hund daliegt
.
Martin Luther

Damals schien das Universum lebendig zu sein.
Überall waren Botschaften, die zu deuten waren
.
Philip Pullman

Vorbemerkung

Die Beschäftigung mit dem Phänomen »Jakobus« gleicht einem Tanz auf der Grenze zwischen Wissenschaft und Spekulation, zwischen Faktum und Fiktion, zwischen Geschichte und Fantasy. Seine Vita ist legendär, und von seinem Leben handeln Legenden, mit denen der Apostel seine Anhänger inspiriert, motiviert oder unterhält, deren historische Evidenz aber mehr als fraglich ist.

Mittwoch, 8. Februar 2023

Der portugiesische Weg


Never measure the height of a mountain
until you have reached the top.
Then you will see how low it was

Dag Hammarskjold

Ich will nach draußen gehen;
alter Kummer soll heute vergessen sein,
denn die Luft ist kühl und ruhig, und die Hügel
sind hoch und erstrecken sich bis zum Himmel
.
Sylvain Tesson

Zum zweiten Mal im Leben bin ich in Porto. Zum ersten Mal war ich in den frühen 1980ern hier, während meiner ersten Nordspanien-Rundfahrt. Gäbe es keine Grenze, niemand würde den Unterschied bemerken. Galicien und Nordportugal bilden eine gemeinsame Landschaft. An Porto erinnere ich als an eine Stadt, die zu beiden Seiten aus dem engen Tal des Douro die Hänge hinaufgewachsen ist. Eher ein kleines Städtchen, romantisch verklärt, eine malerische Kulisse, der Gegenentwurf zu einer deutschen Normalität von Routine, Ordentlichkeit und Disziplin. Nichts davon ist wahr oder nichts davon ist geblieben. Porto ist ein Moloch von Stadt, vielleicht erst geworden. Ich weiß es nicht. Sicher, die engen und steilen, kopfsteingepflasterten Gassen, die vom Fluss zur Kathedrale hinaufführen, die sich hoch oben auf einem Hügel über Porto erhebt, haben ihren Charme. Doch auch sie sind nicht wahr. Sie sind ein Relikt, das für die Touristen, die massenhaft durch sie auf- und abwärts strömen, konserviert werden. Baulicher Verfall allenthalben. Das ist nicht Porto, dass ist ein Museum, und dazu noch ein schlecht gepflegtes. Ich bin heute stundenlang durch durch breite Straßen und enge Gassen gegangen und habe mich gefragt, wer von all diesen Menschen, denen ich begegnet bin, wohnt in den Häusern, die ich auf beiden Seiten mit ausgestreckten Armen berühren kann.



Wendepunkt Ourense


I think it is how most men get from one day to the next;
they set aside all experiences that do not mesh
with their perceptions of themselves.
How different would our perceptions of reality be
if, instead, we discarded the mundane events that
cannot co-exist with our dreams?

Robin Hobb

Drei nordspanische Städte bilden mein persönliches magisches Dreieck: Oviedo, Ourense und Santiago de Compostela; besonders die Landschaften Asturien und Galicien, in der sie die urbanen Zentren bilden, in die ich immer wieder zukehren will. Die Stadt ist ein Buch, der Spaziergänger sein Leser. Er kann auf jeder beliebigen Seite beginnen, vor- und zurückgehen in Raum und Zeit. Wer durch eine Stadt wandert, da wo sie ihm bekannt ist, oder er sie erst kennenlernen muss, geht mit ihr eine sinnliche und emotionale Beziehung ein, macht sich Gedanken über sie und sich in ihr. Die Erfahrung urbanen Gehens fordert den ganzen Menschen, beeinflusst Sinne, Gefühl und Gedanken, fördert sie in Abhängigkeit der Umstände, die städtisches Leben ausmachen. Die Stadt muss Sinn machen, weil sonst die Beziehung stirbt. Und mit einer Landschaft verhält es sich nicht anders.
Ein Flaneur ist jemand, der umherschlendert, der das planlose Zu-Fuß-Gehen genießt, sich umschaut, der immer wieder stehen bleibt, und in den Anblick, der sich ihm bietet, versinkt, ihm die sinnliche Essenz abgewinnt. Als ich 2017 zum ersten Mal auf einem Jakobsweg wanderte, traf ich auf dem Jaizkibel, kurz hinter Irún, Irina aus Moskau. Eine Wanderin wie sie hatte ich noch nie gesehen. Sie ging ein paar Schritte, langsam und bedächtig, blieb dann stehen, schaute sich um und drehte sich dabei fast um die eigene Achse. Dann ging sie noch ein paar Schritte, und das gleiche Spiel wiederholte sich. Ein Tanz auf dem Camino! Ob sie auf diese Weise Santiago erreichte? Ich weiß es nicht, denn schon nach drei Tagen traf ich sie nie mehr wieder. Ich fand ihr Wandern damals seltsam, weil ich nicht verstand, was sie da machte. Heute weiß ich, dass ich zum ersten Mal bewusst jemanden beim Flanieren zusah. Und heute weiß ich auch, dass das auf dem Camino de Santiago eine äußert seltene Begegnung ist.
Als literarische Figur streift der Flaneur durch die Gassen, Straßen und Passagen der Städte, treibt mit der anonymen Menschenmenge; er schwimmt mit ihnen im Strom durch Straßen und Gassen und über Plätze. Er versucht die Straßen zu lesen, die Gesichter der Passanten in der Menge, die Fassaden der Gebäude. Sie bieten ihm die kleinen Beobachtungen und den Stoff für Reflexion und Erzählung. Sir Arthur Conan Doyle legt seinem Detektiv die passenden Worte in den Mund und bestimmt den Stoff, aus dem der Flaneur schöpft: Die Welt ist voller offensichtlicher Dinge, die nie jemand wahrnimmt. Schon Karl May war der Meinung, dass man auf Reisen am leichtesten lernt, alte Vorurteile abzulegen. Flanieren ist eine Lebensart, richtig betrieben wird sie zur Lebenskunst, fördert Selbstbestimmung und Selbst-Vergewisserung und transformiert sie in Szenen schlichter Alltäglichkeit. Walter Benjamin vermutet, es heißt nicht viel, sich in einer Stadt nicht zurechtzufinden, […]. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man sich in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung. Die Motivation des Flaneurs spiegelt sich im Streifen des Wanderers durch die Natur, weil jener in der Urbanität der Städte ein Schattenleben führt. Wie der Flaneur artikuliert der Wanderer seine Gedanken und Gefühle, sucht das Charakteristische wie das Besondere in seiner Umgebung und erzählt davon. Er spürt den Dingen nach, die zu finden nicht offensichtlich sind, will in den Landschaften, durch die er streift, versinken, sich mitunter im Gelände verirren, um unverhofft da wieder aufzutauchen, wo er bewusst nicht hinkommen kann. Im 21. Jahrhundert, in einer Zeit, in der sich die Habitate mehr denn je unterscheiden, liegt die Rolle des Wanderers in der Beobachtung der Gegensätze sowie ihrer gegenseitigen Integration, denn keinem öffnen sich diese beiden Umwelten so sehr wie dem flanierenden Fußgänger. Städte und Landschaften werden sich dem Fremden nie vollständig erschließen, weil er die Sprache und Geschichte nicht kennt, fährt Cees Nooteboom fort, weil es gerade die Sprache und die Namen sind, [die] die geheimen Stimmungen, geheimen Orte, geheimen Erinnerungen bewahren. Woraus besteht ein Ort, woraus eine Landschaft? Beide integrieren alles, was sich in ihnen ereignet, gesagt oder nur geträumt und zerstört wurde. Auch aus dem, was in ihnen verschwunden ist, aus den Spuren, die sich nur dem Aufmerksamen, dem Kundigen, dem Archäologen zeigen. Ganz zuletzt bestehen Orte und Landschaften aus Erinnerungen, sind ein Archiv dessen, was sich im Lauf der Zeit in ihnen zugetragen hat. Torbjörn Ekelund hat zwölf Monate in norwegischen Wäldern übernachtet, in jedem Monat des Jahres immer nur eine Nacht. Seinen Bericht über ein Mikroabenteuer im Monat August beginnt er mit einer Reflektion über seine Erlebnisse und Erfahrungen, und fragt sich: Wenn ich an sie denke, erscheinen sie mir eher lexikalisch, wie ein Referat über mein Leben, und sie werden auch nicht jedes Mal aufs Neue durchlebt, wenn sie mir in den Sinn kommen.