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Donnerstag, 10. April 2025

Ritualorte am Ende der Welt


Willkommen am Anfang des Meeres
wo man die Welt Fisterra nennt

Roberto Traba Velay

Ist Zeit das Rad, das sich dreht,
oder die Spur, die es in die Erde gräbt?

Kelstars Rätsel

Und wieder schau ich auf das weite Meer hinaus . . . Der Song ist altbekannt, doch Madagaskar nicht in Sicht. Noch einmal Mal bin ich in die Klippen am Cabo de Finisterre geklettert. Das Meer ist heute ruhig. Die Wellen flach, nicht schaumgekrönt, wie beim letzten Mal, als sie wütend gegen die Klippen brandeten. Der Horizont ist dunstverhangen. Möwen schweben über die sanfte Dünung, ein weißes Segelboot, sonst nichts. Die Weite ist vollkommen. Willkommen am Anfang des Meeres. Am Ende des Wegs. Von hier aus geht es nur noch zurück. Was einst nur wenige und unter großen Schwierigkeiten und persönlichen Opfern verwirklichen konnten, das kann heute jeder. Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Doch dass das so ist, darin liegt gleichzeitig ein Problem. Selbstverwirklichung ist eine Errungenschaft unserer Zeit.

Sonntag, 5. März 2023

Die letzten Schritte


Entfalte deine Gedanken zu den milchweißen Spuren,
die noch kein Unbesonnener zu träumen gewagt hat.

Hawad

Ich habe es mir anders überlegt. Über dem Weg nach Muxía, über das Kap am Ende der Welt hinaus, hängt der Nimbus der Vermeidung der Endlichkeit. Wer aber einen schönen Traum geträumt hat, erzählt uns Wilhelm Schmidt, mag in der Realität nicht mehr leben. Der Weg nach Muxía ist kein Camino de Santiago mehr. Schon die hundert Kilometer nach Finisterre Jakobsweg zu nennen, fällt mir schwer. Und jetzt auch noch die zusätzlichen dreißig Kilometer nach Muxía: Unmöglich! Die Pilgerfahrt endet in Santiago de Compostela, am Grab des Apostels. Jenseits der Jakobusstadt beginnt die profane Wanderung durch das schöne Galicien. Der wahre Pilger beendet seine Fußreise auf dem Sternenfeld, vor der Kathedrale in Santiago de Compostela. Was folgt ist Tourismus.
Nach der wochenlangen Fußreise fällt es mir plötzlich schwer stehen zu bleiben, morgens nicht mehr meinen Rucksack zu packen, ihn zu schultern, und nach einem kargen Frühstück weiterzugehen, immer weiterzugehen. Den ganzen Tag unterwegs im Freien, nur zum Schlafen unter ein Dach zu kriechen. Die Sonne, den Wind und den Regen, ungefiltert auf der Haut zu spüren. Wie habe ich mein Leben bisher nur ohne diese täglichen Atmosphären verbringen können, es ausgehalten, mich fast den ganzen Tag sitzend in Räumen aufzuhalten.

Mittwoch, 1. März 2023

Fisterra Blues


Aber für zwei Weltmeere brauche man
eben, wie für einen Göttervogel,
vor allem eines: Zeit.
Irgendwann in ihrem Lauf
zeige sich schließlich selbst
das Scheueste und Verborgendste.
Irgendwann werde alles offen
.
Chistoph Ransmayr

Der Blues des Wanderns trägt die Vergänglichkeit im Gepäck. Fisterra! Weiter kann ich nicht mehr gehen. Bin ich angekommen? Ich weiß es nicht. Ich spüre, eine Unruhe, die wohl bedeutet: Ich bin noch nicht bereit. Ich bin vor ein paar Tagen in dem kleinen Ort am Atlantik, im Nordwesten von Galicien, eingetroffen. Ich habe das Gefühl, die Zeit auf dem Camino de Santiago liegt schon lange zurück. Es ist früh am Nachmittag. Mir ist angenehm warm, umweht von einer sanften Brise, die nach Meer riecht. Es ist ruhig in den Gassen. Die Einheimischen gehen anderswo ihren alltäglichen Aktivitäten nach. Nur hin und wieder schlendert ein Pilger auf seinem Weg zum Kap vorbei. Kassiopeia heißt eins der Cafés in Fisterra. Es ist nicht allein wegen des Namens ein besonderes, sondern weil es ein deutsches Café ist, geführt von deutschen Frauen. Was das bedeutet, erübrigt sich eigentlich zu sagen! Ein Hauch von Heimat liegt in der Luft. Nach zweieinhalb Monaten unterwegs sitze ich natürlich gerne hier, auch wenn der Kaffee nur halb so gut ist, wie in den spanischen Bars nebenan. Die Schildkröte Kassiopeia in Michael Endes Roman Momo symbolisiert die Qualität der Zeit, die dann am schönsten ist, wenn sie in glücklichen Momenten einen Augenblick verweilt. Dauer verlangen heißt: sie zu verärgern. Kassiopeia kann beides, vorwärts und rückwärts gehen. Paradoxerweise fließt die Zeit mit allem, was zu ihr gehört, schnell an ihr vorbei, wenn sie langsam rückwärts geht. Dabei bewältigen sich alle Widrigkeiten wie von selbst. Es ist ein Genuss, das Gefühl bewusst zu erleben, das eine entschleunigte Lebensweise mit sich bringt. Es kommt auf den richtigen Gebrauch der Zeit an.

Dienstag, 21. Februar 2023

Jenseits von Santiago de Compostela


wie schön ist die Welt ... sing,
damit ich in meiner Zelle tanzen kann,
mit meinem Schatten,
auf Zehenspitzen, zu deinem Lied,
in dem alles Bewegung ist,
alles Straße, alles Horizont, alles Wind und Regen

Michael Obert

Wer von Anfang an weiß, wohin ihn der Weg führt, kommt nicht weit, warnt ein Sprichwort. Doch ans Cabo de Finisterre ist die Entfernung nicht weit genug, um das Ziel beim Gehen aus den Augen zu verlieren. Der Weg ist nicht länger das Ziel. Ich bin seit sechs Wochen zu Fuß unterwegs. Auf der Walz, wie manch ein Handwerker noch heute. Aber auch der Ethnologe, und der Schriftsteller, der er schließlich ist, findet sein Werk draußen in der Welt. Es gab eine Epoche, da war niemand Meister, der sich nicht unterwegs weitergebildet hat. On The Road, was klingt treffender. Von Alan Ginsberg, Jack Kerouac und Aldous Huxley geadelt und seitdem tausendfach wiederholt. Wenn auch in neuem Gewand. Manche Gesellen lassen sich noch immer auf diese altehrwürdige Rite de Passage ein, bevor sie Mann und Meister sind. Drei Männer und eine Frau habe ich in Zimmermannstracht in den Gassen von Santiago de Compostela getroffen. In schwarz und weiß, mit breitkrempigem Hut, weißem Hemd und schwarzer Weste, das Messer am Gürtel ihrer groben Cordhose, mit dem knorrigen Wanderstock aus Wurzelholz in der Hand. Gesellinnen haben endlich Einzug ins Handwerk gehalten.