Freitag, 14. März 2025

Endstation Burgos


Nach und nach, Schritt für Schritt verkleinert sich
alles auf ein natürliches Maß. Die Reduzierung
aufs Wesentliche intensiviert das bewusste Erleben.

Achill Moser

Die Sentenz vom Weg, der das Ziel ist, inzwischen zum Kalenderspruch avanciert, den jeder kennt und gerne zitiert, suggeriert die Parallelität von Gehen und Leben, von der Fußreise, die eine Reise durch das eigene Leben ist, von Entscheidung zu Entscheidung, wie von Ort zu Ort, Schritt für Schritt, ohne sich stets eines konkreten Ziels bewusst zu sein. Auf meinen Fußreisen habe ich gelernt, einen einmal gefassten Plan loszulassen und mich dem Hier und Jetzt hinzugeben.

Burgos. Mein Ende des Camino Francés. Ich hatte das Ziel der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela, auf dem französischen Weg, der eigentlich der spanische Weg heißen muss, an das Grab von Santiago Peregrino, eigentlich nie ernsthaft im Sinn. Ich war schon drei Mal in Santiago de Compostela, und als ich aufbrach, war Sant Iago nicht mehr als eine Option. Die Fußreise auf dem Camino Francés war für mich genau so schwierig, wie meine Wanderung entlang des Grünen Bands. Auf beiden Wanderungen begleiteten mich von Beginn an negative Gedanken, die sich in meine Gefühle fraßen, und von dort in die Landschaft flossen. Im Nachhinein kommt es mir jedenfalls so vor. Der Camino Francés ist das, was von ihm behauptet wird: eine Pilgerautobahn. Wie lange schon, ich weiß es nicht.
Vor ein paar Jahren traf ich René und Joanna aus Montreal in dem Städtchen Salas am Camino Primitivo. Wir teilten uns ein Zimmer in einer schmuddeligen, schrecklich chaotischen Herberge, und sie erzählten mir, dass sie in Pamplona den Francés verlassen, haben: zu voll, zu touristisch, zu wenig Raum für Kontemplation. Ich habe mich an die beiden erst vor ein paar Tagen wieder erinnert. Ob es mich davon abgehalten hätte, den Camino Francés zu wandern, ich glaube nicht. Ich habe mir vorgestellt, dass ich ihn meiner Camino-Sammlung brauche, und konnte mich wohl deshalb nicht entscheiden, einen der anderen Caminos de Santiago noch einmal zu gehen.
Auf die Haltung allein kommt es an. Denn nur sie allein ist von Dauer und nicht das Ziel, das nur ein Trugbild des Wanderers ist, wenn er von Grat zu Grat fortschreitet, als ob dem erreichten Ziel ein Sinn innewohnt. Antoine de Saint-Exupéry spricht von der Haltung, die man als Pilger erreichen kann, denn nur auf sie kommt es an, weil die Erfahrungen des Camino de Santiago nie mehr verloren gehen. Das Ziel ist deshalb ein Trugbild, weil es vorspiegelt real zu sein, und deshalb die vielen kleinen Dinge des Wegs ignoriert, die so offensichtlich sind, und oft so schwer wahrzunehmen. Besser lässt sich meine Wanderung auf dem Camino Francés nicht auf den Punkt bringen. Kein Tag verging, keine Begegnung und keine Beobachtung, die mich nicht mit diesem Gedanken konfrontiert hat.

An der Eingangstür der Albergue de Peregrinos in Burgos, gleich neben dem Hinweis auf seine Wertsachen zu achten, wie er auf Bahnhöfen üblich ist, ein Verbot: Pilger mit Koffern werden in dieser Herberge, in der auch nicht reserviert werden kann, nicht aufgenommen. Ich war sofort einverstanden, bin ich doch auch der Meinung, dass Pilgern kein touristisches Event ist. Dann dachte ich, fast erschreckt: Ist es schon so weit gekommen?
Ich will nach draußen gehen; alter Kummer soll heute vergessen sein, die Luft ist kühl und ruhig, und die Hügel sind hoch und erstrecken sich bis zum Himmel, schreibt Thomas de Quincey, und die Waldwiesen sind so still wie der Friedhof; mit dem Tau kann ich das Fieber von meiner Stirn waschen, und dann werde ich nicht länger unglücklich sein. Lässt sich der Preis des Wanderns schöner beschreiben, die Stimmung, die den britischen Schriftsteller de Quincey erfasst. Er notiert diese Wahrnehmung in Bekenntnisse eines englischen Opiumessers, wohl sein bekanntestes Buch. Ich staune immer wieder, wer sich in der Literatur alles zum Wandern oder Gehen äußert, und in diesem Buch habe ich es am wenigsten erwartet. Wer sich alle dazu bekennt, auf Schusters Rappen unterwegs zu sein. Welch eine schöne, leichtfüßige Metapher. Doch mein Weg nach Burgos ist nur in den Morgenstunden, als ich in die Sierra von Atapuerca aufbreche, die mich noch von Burgos trennt, von dieser wohltuenden Qualität.

Die Herberge in ist noch geschlossen, als ich gestern in dem kleinen Ort eintreffe, nicht mehr als eine lange staubige Durchgangsstraße mit einer kleinen Siedlung etwas abseits der Straße. Auf einem Hügel thront düster eine verschlossene Kirche über dem Ort.

In dem schönen Garten machen es sich einige Pilger bequem, die Wanderschuhe ausgezogen, Arme und Gesicht eingecremt für ein Sonnenbad, als habe es davon unterwegs nicht schon genug gegeben. Lara, die in Irland arbeitet, aber im Schwarzwald zu Hause ist, sitzt an einem der Tische im Schatten eines der Bäume. Ich traf sie bereits gestern in Redecilla del Camino in der Bar am Ortseingang, da wo die auf Pilger eingestellten Bars immer und schon früh geöffnet sind; Teil des touristischen Business am Camino Francés. Ihr Rucksack ist übergewichtig wie sie selbst. Gerade ist sie ungeniert mit ihren bepflasterten Füßen beschäftigt. Im Garten von Atapuerca beginnt sie gleich zu erzählen. Sie ist von Villafanca Montes de Oca mit dem Taxi gekommen, weil sie telefonisch kein Bett reservieren konnte. Bettenangst. Die Konkurrenz um die knappe Ressource Bett ist ein allgegenwärtiges und beliebtes Thema. Aus Sorge, abends in jeder Herberge das Unwort des Wegs, completo, zu hören, brechen Pilger noch vor Tagesanbruch auf und eilen über den Jakobsweg, um die hinterherkommende Konkurrenz auf die Plätze zu verweisen. Reserviert werden kann nur in den touristischen Herbergen, die weniger Betten haben, die ein bisschen komfortabler, aber auch teurer sind. In den meisten der städtischen und kommunalen Herbergen (municipal) oder den kirchlichen Herbergen (paroquial) kann nicht reserviert werden. Sie haben häufig mehr Betten, das können schon weit mehr als hundert sein, sind nicht immer in gutem Zustand, eng und alles andere als luxuriös. Es gibt klare Regeln, was Aufnahme- und Abreisezeiten betrifft, die freiwilligen Hospitaleros achten auf die Pilger, mit anderen Worten: es gibt eine soziale Kontrolle, aber dafür auch Hilfe. Und diese Herbergen sind immer die preiswerten. Es gibt also keinen Grund zu reservieren, keinen Grund Angst, um ein Bett zu haben. Es ist die Unfähigkeit loszulassen, Unsicherheiten auszuhalten, was zu diesem Verhalten führt, und was die touristische Infrastruktur immer mehr fördert. Und sie gehen mit viel zu viel Gepäck, das sie irgendwann nicht mehr tragen können, weil ihre Füße streiken, und abends und morgens eine sorgfältige Behandlung benötigen. Man sieht sie dann in den Küchen oder Aufenthaltsräumen sitzen, ihre lädierten Füße begutachten, vorzeigen und mit Pflastern und Verbänden vor der nächsten Tortur zu schützen. Gewicht ist Angst, und Sicherheit trügerisch. Wilhelm Schmid, der Philosoph der Lebenskunst, des richtigen Lebens, glaubt, dass die Voraussetzung, sich des Lebens zu freuen, darin besteht, mit dem hin- und her schwingenden Pendel einverstanden zu sein. Genau darin besteht die Lektion des Jakobsweg. Schade um den ganzen Aufwand, wenn sie aus Angst nicht gelernt wird. Was das Wandern, und auch das Pilgern betrifft, man wird mit Flügeln geboren oder nicht!
Diese zielfixierten und von kalkulierten Sicherheiten abhängigen Pilger sind es, die die Atmosphäre auf dem Camino Francés bestimmen. Sie sind früh und eilig unterwegs als sei ihnen jemand auf den Versen oder gebe es irgendwo einen Termin wahrzunehmen. Sie haben keine Zeit für die vielen kleinen Dinge unterwegs, und erst recht nicht für die Geschichte des Camino de Santiago, die in den Transitheiligtümer wartet, den Einsiedeleien und Kapellen, oder in den Kirchen und Kathedralen. Sie lauschen nicht auf die Erzählungen der Natur und beachten auch die Texttafeln der Monumente nicht. Sie schauen weder nach rechts noch nach links, bleiben nicht stehen, um sich umzuschauen oder noch einmal zurückzusehen, sondern halten den Blick starr geradeaus. Es gibt auch solche, die keinen Gruß, kein Buen Camino, für mich übrighaben.

Es ist bereits nach 14 Uhr, als die Hospitalera eintrifft, meine Spende entgegenzunimmt, meinen Credencial stempelt, und mir ein Bett für die Nacht zuweist, und ich mich endlich auf den Weg machen kann. So unscheinbar Atapuerca dem durchziehenden Pilger auch erscheinen mag, die unmittelbare Nachbarschaft hat etwas Besonderes zu bieten. Denn dort befindet sich eine der bedeutendsten prähistorischen Stätten der Welt. Das UNESCO-Weltkulturerbe umfasst mehrere Ausgrabungsstätten, die reich an fossilen Funden und Werkzeugen des Homo neanderthalensis und Homo antecessor sind, ein bedeutendes Reservoir für das Verständnis ihrer Kultur und unserer Vorfahren.
Die Grabungsstätte von Atapuerca besteht aus einem Ensemble von mehreren Höhlen. In der Sima de los Huesos, der Grube der Knochen, wurden 7000 Fossilien von 28 Individuen des sogenannten Ante-Neandertalers, einer frühen Form des Homo neanderthalensis ausgegraben, der heute meist Homo heidelbergenis genannt wird; etwa 430.000 Jahre alt. Der Schädel Nr. 5, bekannt als Miguelón, (Foto alamy.com) ist einer der vollständigsten fossilen Schädel weltweit; darunter Knochen, die auf Begräbnisrituale hindeuten, eine bewusste Bestattung.

Eine andere Höhle, die Gran Dolina, bewahrte 780.000 Jahre alte hominide Fossilien, Zähne und Knochenfragmente von mindestens sechs Individuen, die den Homo antecessor zugeschrieben werden, einem Vorläufer des anatomisch modernen Menschen. Schnittspuren an den Knochenfragmenten belebten in den 1960er Jahren erneut die umstrittene Hypothese eines prähistorischen Kannibalismus. In der Fundstelle Galería, im benachbarten Höhlensystem Cueva Mayor, wurden fossile Knochen und Artefakte freigelegt, die ins Acheuléen datiert werden konnten, der frühestens Epoche des Altpaläolithikums. Die Grabungen in der Sierra de Atapuerca, nur 14 Kilometer östlich von Burgos gelegen, förderten Fossilien und Artefakte zu tage, die belegen, dass die Region über Hunderttausende Jahre kontinuierlich besiedelt wurde. Die hominiden Überreste aus Atapuerca ermöglichen uns einzigartige Einblicke in die Entwicklungsgeschichte von prähistorischen menschlichen Spezies, einzigartig für das Verständnis der gesamten Menschheitsgeschichte.

Die Sonne geht gerade über der Sierra de Atapuerca auf, als ich auf einem steinigen Maultierpfad den Hang hinaufsteige. Die Schafherde auf einer Weide liegt noch eng aneinander gedrängt im Kreis, denn noch ist es kalt, und der Tag hat noch nicht begonnen. Als ich mich umschaue, liegt über Atapuerca eine Nebelbank, die den Camino Francés in eine flauschige Decke hüllt. Der Weg zurück ist geschlossen, und der vor mir geht zu Ende. Der Aufstieg in die Sierra ist kurz und ungewöhnlich steinig. Es gibt kaum eine freie Stelle, um den Fuß richtig aufzusetzen, und ich stolpere, rutsche ab oder knicke, um ehe ich oben bin. Ein Flussbett, denke ich, nur fehlt jedes Anzeichen von Wasser.

Mittlerweile wandere ich wieder im Schwarm der Pilger, die mich reihenweise überholen, weil ich mich ständig umdrehen, um dem Nebel zuzusehen. Wer aufmerksam hinschaut, sieht, dass sich im Nebel etwas bewegt. Etwas Ätherisches, Feuchtes, nicht leicht zu Fassendes. Nebel ist kein alltägliches Phänomen, und ich brauche eine Weile, bis ich mich satt gesehen habe. Von der Sierra in die Ebene, wo ich entfernt Burgos sehen kann, geht es hinab, wie es hinaufging. Steil und steinig. Dann beginnt die nächste monotone, langweilige Etappe von Dorf zu Dorf. Cardeñuela Riopico, die erste Gelegenheit zu frühstücken. Auf der Terrasse sind alle Plätze belegt und ich sehe die, die mich überholt haben wieder. Keinen von ihnen kenne ich. Die Bar ist leer, ein großer Raum mit weißen Resopaltischen, rundherum die Stühle, ungemütlich und zweckmäßig. Auf dem Tresen liegen große Stapel mit unterschiedlich belegten Bocadillos auf Tabletts, die ahnen lassen, was bevorsteht. Ganz anders als gestern Morgen in der kleinen Bar in San Juan de Ortega, die die Persönlichkeit des Wirtes spiegelt, der wenig Auswahl bietet, aber vieles frisch zubereiten kann. Doch der Kaffee ist gut und heiß, denn der Morgen ist noch kalt. Kaum sitze ich an einem der hinteren Tische und trinke den ersten Schluck, stürmt ein Dutzend Pilger in den Raum, alle mit kleinem Stadtrucksack, Turigrinos also, und es wird laut und hektisch. Ich trinke viel zu schnell aus, den letzten Schluck, während ich schon den Rucksack schultere und suche das Weite.

Ich weiß nicht mehr, wann es anfing, ich glaube aber, als die Piste aus der Sierra im Tal auf eine Landstraße mündete, ein oder zwei Kilometer vor Cardeñuela Riopico. Der Rest, bis Burgos, ist Asphalt. Eine Landstraße, die sich in weiten Schleifen durch die Ebene nach Burgos schiebt, scheint kein Ende zu nehmen. Die Zeit schmilzt unsäglich langsam dahin. Nach Orbanejo Riopico auf Asphalt, weiter auf dem Seitenstreifen, nach Castañares auf Asphalt, und auf Asphalt nach Fuentes Blancas mit dem vielversprechenden Namen, und auch Asphalt bis Villafría. Mehr als zehn Kilometer Landstraße, mitleidlos, ohne Aussicht auf Erlösung. In Villafría nehme ich den Bus nach Burgos. Die letzten acht Kilometer durch Industrie, Gewerbegebiet und Vorstädte erspare ich mir. Der Camino Francés sagt es mir noch einmal deutlich: Es ist Zeit für dich zu gehen.

Doch Burgos entschädigt mich für vieles. Warum? Das kann ich nicht sagen, ein erster flüchtiger Eindruck, ein Gefühl. Es ist ein Moment Lebensart, eine unaufgeregte Atmosphäre selbst mittendrin, als ich ziellos durch die Stadt flaniere. Eine Plaza, von Arkaden gesäumt, unter denen ich Tapas und Rotwein bekomme und den vorübergehenden Passanten nachschaue, breite Avenidas für den Verkehr, aus den Wohnvierteln ausgeschlossen, schmale Gassen zwischen Häuserzeilen eingeklemmt, wo ich die Sehnsucht spüre, die mit auf dem Fuße folgt. Das menschliche Maß bestimmt die Geschwindigkeit. Schon auf den ersten Blick sieht alles anders aus. Etwas locker-leichtes liegt in der Luft, im Umgang miteinander und im öffentlichen Verhalten, dass ich so aus Deutschland nicht kenne. Kaum einen Tag lang bleibe ich in Burgos, bevor ich in den Norden reise, nach Llanes und in den Picos de Europa nach Cangas de Onís und Covadonga, um endlich den Ort zu sehen, wo Pelaya 722 einen entscheidenden Sieg über die maurischen Truppen errang und die Reconquista begann.
Ich werde gehen, gehen, gehen, die Stadt durchstreifen, so lange es etwas zu sehen gibt. Ich verwarte viel zu viel Zeit in der Bar gegenüber der Albergue de Peregrinos Casa del Cubo, trinke viel zu viele Cafés con leche, bis ich einchecken kann. Dann breche ich auf, kreuz und quer durch die verkehrsfreien, ansehnlich gepflasterten Gassen der Altstadt mit ihren bunten Läden, eleganten oder schmuddeligen Bars und Restaurants. Die Fiesta las Flores mit elaborierter Blumenkunst unter blattlosen Kandelaberplantanen auf dem prachtvollen Paseo del Esplolón, den ein schmaler Parkstreifen flankiert, durch den der Río Arlanzon fließt, ein Nebenfluss des Duero. Folgt man den Paseo bis an Ende erreicht man die Plaza mio Cid, auf den mehrere große Avenidas münden, sodass ich nicht gleich bemerkte, dass ich auf einem Platz stand. Dann sah ich ihn, den Cid, das Denkmal des El Cid Campeador; der den Sieg stets mit sich trug, heutzutage einsam mitten auf der Plaza del Cid, wo ihn der Verkehr wie ein Fels in der Brandung umfließt.

Auf einem mächtigen Sockel reitet er auf einem Pferd, gerüstet, mit wehendem Umhang und vorwärts gestrecktem Schwert, zum Angriff bereit. In diesem Moment musste ich an Don Quijote denken, Cervantes Spanier, der auch ein nationales Symbol wurde. Als ein solches verkörpert El Cid das Ideal des ehrenhaften Ritters, ein pragmatischer, selbstbewusster Held, der trotz ungerechter Behandlung für sein Vaterland kämpft, während Don Quijote, der Ritter von der traurigen Gestalt, zentrale Aspekte der »spanischen Seele« repräsentiert: Stolz, Idealismus, Ehre und die Liebe zur Freiheit.
Und ich dachte an den Hollywoodfilm El Cid, in dem Anthony Mann die Geschichte des Don Rodrigo Díaz de Vivar erzählt. Der Film kam 1961 in die Kinos, ich gerade erst zehn Jahre alt, und noch zu jung. Aber ich träumte damals von Helden und ihren berühmten Taten, und sah den Film Jahre später. Charlton Heston in der Rolle des Cid und Sophia Loren als seine Doña Jimena, ein ehrenhafter Ritter und seine tragisch romantische Beziehung zu seiner Dame des Herzens. Ein Heldenepos, ein Loblied auf Ehre und Loyalität, eine Schlacht christlicher und muslimischer Truppen gegen die Almoraviden, die muslimische marokkanische Berber-Dynastie, die zwischen 1147 und 1269 über weite Teile des Maghreb und al-Andalus herrschte, die Reconquista als Kampf des Guten gegen das Böse. Doch das Drehbuch nimmt sich erhebliche künstlerische Freiheiten.
Der historische Cid, Rodrigo Díaz de Vivar, wurde wahrscheinlich 1043 in dem Dorf Vivar del Cid nahe Burgos geboren, avancierte zum kastilischen Ritter während der Regentschaft von König Sancho II. von Kastilien und nach dessen Tod Alfons VI. von León, bei dem in Ungnade fiel und verbannt wurde. Die Legende schildert ihn als umstrittene Figur, der abwechselnd christlichen oder maurischen Herrschern diente. 1094 eroberte er Valencia, wo er bis zu seinem Tod 1099 als unabhängiger Fürst herrschte. Die Mauren nannten ihn al-Sayyid, Herr, woher der Titel Cid stammt, Campeador, was so viel wie Kämpfer bedeutet. Zur literarischen Figur machte ihn das Cantar de mio Cid, das Lied von meinem Cid, das um 1200 entstand, und ihn als christlichen Ritter und Verteidiger gegen die Mauren idealisiert, ein Mann von Ehre, Treue und Tapferkeit.
Für Burgos gehört der Cid zur lokalen Identität, er ist eine Schlüsselfigur der lokalen Geschichte und Identität, der Straßen, Schulen und Feste sind ihm gewidmet, sind. Das betont auch die Inschrift auf dem Sockel seines Denkmals: Der Kämpe (campeador) war aufgrund seines stets leuchtenden Hellsehens, der besonnenen Festigkeit seines Charakters und seiner heroischen Tapferkeit ein Wunder der großen Wunder des Schöpfers. In Burgos ist der ehrenhafte Ritter nicht nur ein Nationalheld, sondern auch ein touristisches Event geworden. Burgos vermarktet den Cid intensiv. Und wer nicht auf dem Camino Francés unterwegs ist, kann dem Camino del Cid folgen, einem Wanderweg, der seinen legendären Spuren durch Spanien folgt. Und natürlich das Grabmal des Cid, das jährlich Tausende Besucher und Pilger anzieht.
Später, im südlichen Zentrum der Stadt die Bar CCB, der Club Ciclista Burgales, mit ihrer Hommage an die Kultur der Tapas, Pinchos und Wermuts. Nirgendwo in Spanien habe ich bessere Patatas Bravas am Tresen gesessen, unter den wachsamen Augen berühmter spanischer Radsportler, die von Plakaten an den Wänden selbstbewusst auf mich herabschauten.

Von der Pilgerherberge sind weniger als hundert Meter bis zur Rückseite der Catedral de Santa María. Die für ihre Größe und Architektur weit über Burgos hinaus berühmte Kathedrale, die gotische Bischofskirche zu Ehren der Jungfrau Maria. Weltkulturerbe seit 1984. Ich habe die Kathedralen in Santiago de Compostela gesehen, Sehnsuchtsort hunderttausender Pilger jährlich, die in Bilbao, Lugo, Oviedo, Málaga, Salamanca und Sevilla gesehen. Keine habe ich ausgelassen, jede hat mich auf ihre eigene Weise ergriffen, unter ihnen auch die Kathedrale in Santo Domingo de la Calzada mit ihrer Kuriosität des Käfigs mit lebenden Hühnern und der Legende des Hühnerwunders. Die Kathedrale von Burgos ist eine der schönsten Kirchen, die ich jemals besucht habe. Schließlich gehört sie zu den wichtigsten gotischen Bauwerken Spaniens.

Auf der Plaza del Rey San Fernando, dem großen Platz vor der Puerta Principal der Kathedrale herrscht sonntägliche Stimmung. Ununterbrochen kommen und gehen die Besucher: schlendern umher, schauen, fotografieren. Beliebt sind Selfies, die mehr von den Fotografierenden als vom Fotografierten offenbaren. Das Grab des Cid und seiner Frau Doña Jimena, mit einer schlichten Grabplatte aus schwarzem Marmor bedeckt, die in der Kathedrale von Burgos ruhen, ist eine bedeutende Pilgerstätte. Ursprünglich waren die Überreste von El Cid im Kloster San Pedro de Cardeña bei Burgos bestattet, einem Ort, der ebenfalls eng mit seiner Legende verbunden ist. Im 19. Jahrhundert, während der napoleonischen Besatzung, wurden seine Gebeine geplündert und verstreut.

Auch die Gebeine von Christoph Kolumbus, den man hier Colón nennt, die in der Kathedrale von Sevilla ruhen, wurden verstreut, und überquerten zwischen 1506 und 1898 mehrmals den Atlantik. Nun sind sie in einem aufwendigen Grabmal an der Puerta de la Lonja in der Kathedrale von Sevilla bestattet, eine Inszenierung, deren Ästhetik sich an die Prozessionsschreine der Semana Santa anlehnt. Auf einem Podest tragen vier in prachtvolle Gewänder gekleidete Sargträger, gekrönte Häupter, seinen Sarkophag auf ihren Schultern. Sie repräsentieren vier spanische Königreiche: Léon, Kastilien, Aragón und Navarra. Lange Zeit wurde die Echtheit seiner Gebeine bezweifelt. Doch anders als die Reliquie des Jakobus in Santiago bestätigte 2006 ein DNA-Abgleich Colóns Identität. Das Grab El Cids ist dagegen bescheiden. Seit 1921 befindet es unter der Vierung der Kathedrale, direkt unter der majestätischen Vierungskuppel mit ihren reich verzierten Gewölben. Diese zentrale Lage betont erneut die Bedeutung von El Cid für die Geschichte und Identität Kastiliens. Auf der Grabplatte sind die Namen des Cid und seiner Frau eingraviert, sowie eine lateinische Inschrift, die auf ihre Tapferkeit und ihren Ruhm hinweisen: Hic requiescit Rodericus Didaci Campidoctor - Hier ruht Rodrigo Díaz, der Campeador. El Cid ist der Schutzpatron Kastiliens und ein Held der spanischen Geschichte, was die zentrale Lage seines Grabs in der Kathedrale bezeugt.

Spanien versteht es, die sterblichen Überreste seiner Helden in aufwändiger Zurschaustellung zu inszenieren. Ob El Cid, Colón oder Sant Iago, ihre Gräber sind prächtig, kunstvoll gestaltet, und überdauern die Zeit inmitten öffentlicher Bewunderung. Trotz ihrer Bedeutung für Spanien wird weder Colón noch dem Cid heutzutage rituelle Verehrung zuteil, sieht man von den Touristen ab, die ihre Schreine in mehreren Reihen belagern, die Smartphones über die Köpfe der vor ihnen Stehenden gereckt. Nur Jakobus im fernen Santiago de Compostela ist es gelungen, dass sich ein Kult um seine Person gebildet hat, obwohl die Reliquie des Apostels eine dubiose Fiktion ist: ein politischer Mythos, während Colón und El Cid echte Historizität für sich beanspruchen dürfen.

Auf einer Bank auf der Calle Fernán González setze ich mich in die Sonne. Eine ältere Señora, die ihren Hund ausführt, einen von diesen kleinen, mickrigen, die gut in jede Etagenwohnung passen, setzt sich neben mich. Sie spricht mich an, wie es mir oft ergeht, wenn ich eine Rast einlege, und fragt mich aus. Woher ich komme? Was ich mache? Wie mir Burgos gefällt? Und es beginnt der nächste Small Talk über Dies und Das, ein weiterer lustiger Radebrech, den ich nicht kontrollieren kann, und der für kuriose Missverständnisse sorgt, die die Señora lächelnd quittiert, bis ihr Hund zum Aufbruch drängt.
Die Bank, auf der ich sitze, steht unmittelbar gegenüber der Nordfassade der Kathedrale. Die Steinmetzarbeiten, die die Puerta de la Coronería zahlreich illustrieren, und an der der Camino Francés unmittelbar vorbeiführt, führt auf seinem Tympanon; dem Bogenfeld über dem Portal, das Weltgericht auf. Neben Christus knien Maria und Johannes über ihnen tragen Engel die Arma Christi. Darunter eine Darstellung der Seelenwägung mit den Erzengel Michael im Zentrum, dem Anführer der himmlischen Heerscharen und Bezwinger Satans in Gestalt des Drachens. In der christlichen Ikonographie gilt die Seelenwaage als eins der Heiligenattribute des Erzengels.

Die Steinmetzkunst der romanischen und gotischen Kathedralen, besonders eindrucksvoll an Kapitälen, Wasserspeiern, Tympana und Fenstergewänden, sind in Stein gemeißelte Comics. Wie sein moderner Kollege hat der mittelalterliche Künstler sie in Bildsequenzen angeordnet. Es sind bildhafte Erzählungen, die eine klare Erzählstruktur besitzen, um biblische Geschichten, Moralbotschaften und alltägliche Szenen einem Publikum zu präsentieren, als die wenigsten Menschen lesen konnten.
Literarische Texte, schreibt Jürgen Wertheimer in seiner Studie Sorry Cassandra über die Unbelehrbarkeit, und das gilt auch für Bilder und Illustrationen, verfügen über die eminente Fähigkeit, Problemstellungen konkret und plastisch zu machen, indem sie das Geschehen auf Figuren und Situationen herunterbrechen. Zugleich „überzeichnen“ und „übertreiben“ sie gelegentlich, um die Dinge zur Kenntlichkeit zu bringen und Strukturen sichtbar zu machen. Zwei Autoren haben uns mit ihren Protagonisten eine anschauliche Vorstellung des mittelalterlichen Künstlers gegeben: Hermann Hesse mit dem Bildhauer Goldmund in seinem Roman Narziss und Goldmund von 1930 und Jahrzehnte später Ken Follett mit der Figur des Baumeisters Tom Builder in Die Säulen der Erde aus dem Jahr 1989. Während Goldmund den sinnlichen, künstlerischen und lebenshungrigen Aspekt des Menschseins verkörpert, repräsentiert Tom Builder den Traum, etwas Großes und Dauerhaftes zu schaffen, nämlich die Kathedrale von Kingsbridge. Beide Künstler vereint ihr Ehrgeiz und ihre Leidenschaft die Vergänglichkeit des Lebens durch die bildende Kunst zu überwinde, der große Traum, etwas Bleibendes zu schaffen, womit Goldmund seine Emotionalität und Sinnlichkeit, Tom seine handwerkliche Meisterschaft und Wissen über Architektur, seine Vision eines zu den Menschen sprechenden Bauwerks, zum Ausdruck bringt. Beide sind sie Träumer und Idealisten, und beide symbolisieren die Fähigkeit des Menschen über Widrigkeiten des Lebens durch Kunst, Glauben und Beharrlichkeit hinauszuwachsen.

Die in Stein gemeißelten Comics der mittelalterlichen Steinmetzkunst insbesondere an romanischen Kirchen und Kathedralen erzählen Geschichten und vermitteln Botschaften durch steinerne Bilderfolgen, eine wiedererkennbare Symbolik und humorvolle Details, boten neben Belehrung auch Unterhaltung und Satire. Sie waren das didaktische Mittel für die Gläubigen und eine künstlerische Ausdrucksform der Kreativität der Steinmetze.
Neben religiösen Motiven gab es humorvolle, satirische oder groteske Szenen: Akrobaten, Betrunkene, Tiere mit menschlichen Eigenschaften. Aber auch die ironischen Darstellungen sollten das Publikum ansprechen und zum Nachdenken anregen. Die Bildsequenzen sind wie in Comics in einer chronologischen Abfolge angeordnet. Mimik und Gestik der Figuren zeigen oft übertriebene Gesichtsausdrücke und Gesten, um die Handlung ohne Worte verständlich zu machen; in der Welt des Comics ein übliches Stilmittel.

Viele narrative Sequenzen sind durch architektonische Elemente wie Bögen oder Säulen eingerahmt, was die einzelnen Szenen wie ein Comic-Panel wirken lässt. Die mittelalterliche Steinmetzkunst schuf Erzählkunst für alle, machte komplexe theologische Themen auch für einfaches Volk zugänglich. Die Kirchen nutzten die steinernen Comics auch als visuelle Propaganda, ein Machtinstrument, um bestimmte ideologische Glaubensinhalte durchzusetzen. Und dennoch sind sie mehr, denn die Steinmetze arbeiteten in ihre Bilderfolgen Szenen des alltäglichen Lebens, der Mode und Bräuche ihrer Zeit ein, eine kulturelle Chronik, die diese Darstellungen zu wertvollen historischen Quellen macht.

Gegenüber der Puerta de la Coronería die gelungene Verbindung von Tradition und Moderne. In zeitgenössischer Bilderschrift die monumentale Schablonen-Hommage eines Street Art Project von 2021. Das Projekt »Mimesis, Wesen und Orte« will einen visuellen Dialog mit der Öffentlichkeit über das Erbe und die zeitgenössische Kultur anregen. Entworfen und realisiert wurde es von dem französischen Street-Art-Duo MonkeyBird, den Künstlern Blanco (der Affe) und Temor (der Vogel).

Sie wurden durch ihre großformatigen, detailreichen Schablonenarbeiten bekannt, die meisten Schwarz-Weiß-Kontraste nutzen. Ihre Werke kombinieren gotische, barocke und industrielle Stilelemente mit symbolischen Tiermotiven — vor allem Affen und Vögel, die für Freiheit und Intelligenz stehen. Die Themen ihrer Kunst kreisen um die Beziehung zwischen Menschen, Natur und urbanem Raum. Für die die 800-Jahr-Feier der Catedral de Santa María hat MonkeyBird das Wandbild »Mimesis, Wesen und Orte« kreiert, ein persönlicher Ansatz an jahrhundertealte Architektur, der ein ganzes Universum von Symbolen von innen nach außen überträgt.
Ihr Wandbild zollt den Gemeinschaften der Handwerker und Baumeister Tribut. Die Kathedrale von Burgos spiegelt eine reiche Abfolge künstlerischer Stile, die von der klassischen Gotik bis zum Barock reichen, und bildet auf diese Weise ein eklektisches und doch zutiefst harmonisches Gebäude.
Die Gestalt des Schutzengels in Gestalt des grauen Reihers, als Beschützer der Stadt im Zentrum des Wandbilds, repräsentiert ein Symbol des Lichts und der Wiedergeburt; im Hintergrund die Rosette über der Puerta Principal. Er wird von zwei weiteren Engeln flankiert, die ihr Pendant im Inneren der Kathedrale finden. Der linke Engel mit dem Kopf eines Affen, der rechte mit dem des Vogels, eine Signatur der Künstler MonkeyBird, die das Wandbild realisiert haben. Die Kathedrale in Burgos ist, was Engelsskulpturen entspricht, einzigartig.
Die kleinen Vögel, die durch das Gemälde flattern, erinnern an die Trauerschnäpper (Papamoscas Cerrojillo), die in den Hohlräumen des Steins der Kathedrale nisten. Sie sollen außerdem auf die berühmte automatische Uhr aus dem 18. Jahrhundert anspielen, die sich in der Kathedrale befindet.

Den schönsten Blick auf die Kathedrale und die Stadt habe ich mir bis zuletzt aufgehoben. Es ist später Nachmittag als ich auf dem Hügel der Alcazar del Castillo de Burgos ankomme. Die Aussichtsplattform, den Mirador del Castillo, teile ich mir gefühlt mit halb Burgos. Ich bin zufrieden, eine Wanderetappe endet, und alles hat sich auf ein natürliches Maß reduziert. Das vorzeitige Ende des Camino Francés war ein perfekter Tag.
Monate später bedauere ich, den Camino Francés in Burgos beendet zu haben. Sicher, ich bin bis nach Santiago de Compostela gekommen, und darüber hinaus auch ans Ende der Welt, wo ich noch einmal auf der moosbewachsenen Mauer der Ermita San Guillerme saß, hoch oben auf dem Monte o Facho, und zusah, wie die Sonne im Westen hinter den Horizont sank. Dennoch fühlt es sich unvollendet an. Ob ich zurückkomme? Ich weiß es nicht, aber ich spüre, etwas in Burgos zurückgelassen zu haben, dass nicht zurückbleiben darf. Denn der Camino Francés ist unvergleichlich unter den vielen schönen Caminos de Santiago. Warum das so ist? Der Camino Francés vereinigt Landschaft, Begegnung, Kunstgeschichte und spanische Kultur auf eine einzigartige Weise.

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