Sonntag, 15. Januar 2023

Am Scheideweg


Jede Pilgerfahrt findet zwischen zwei biographischen Polen statt: eine Zeit des Aufbruchs und eine Zeit der Rückkehr. Dazwischen, in einer unbestimmten Zwischenwelt, ist der Pilger sich selbst und anderen ein Fremder, ein Peregrinus. Dort wo er ist, ist er ein Ausländer, einer, der weit weg von zu Hause ist, einer Welt gegenübersteht, der jegliche Vertrautheit fehlt. Unterwegs wird mir die Vergänglichkeit meines Lebens am deutlichsten bewusst. Während ich weiter gehe, verändert sich ständig alles um mich herum. Nichts bleibt, nichts kann ich festhalten, wie es in den Phasen der Sesshaftigkeit zu sein scheint, in denen man hofft, das Erreichte habe Bestand. Wir müssen zuerst vergessen, damit wir in der Erinnerung wieder erleben können, was an uns vorbei gegangen ist. Wir verstehen unser Leben immer erst im Nachhinein. Auf jeder Wanderung gibt es etwas zu erleben, jede Landschaft erzählt Geschichten. Reisen ist eine Bewegung im Raum, Erinnerung ist eine Bewegung in der Zeit, die uns unser Leben schließlich bewusster macht.

Donnerstag, 12. Januar 2023

Abschied vom Baskenland


Die Herausforderung einer wochenlangen Fußreise besteht nicht in den hunderten Kilometern, die zurückgelegt werden, das kann jeder, der seinen Rhythmus findet. Das Besondere liegt darin, überhaupt aufzubrechen, die Freuden und das Glück zu erleben, sich willentlich auf Strapazen einzulassen, die man sich anfangs nicht vorstellen kann. Eines bedingt das andere. Zu Fuß zu reisen, ist unvergleichbar. Mit dem Gefühl, ein technisches Fortbewegungsmittel, etwa ein Fahrrad oder Auto zu benutzen, hat das nichts mehr zu tun. Der 2003 verstorbene Sir Wilfred Thesiger war einer der letzten Entdecker. Als erster Europäer durchquerte er mehrfach die Rub-al-Khali, das Leere Viertel, eine der großen Wüsten der arabischen Halbinsel. In seiner Reiseerzählung Die Brunnen der Wüste setzte er der untergehenden, traditionellen Nomadenkultur ein literarisches Denkmal. Eindringlich schildert er in seinem Buch, was eine Fußreise so außergewöhnlich macht: Ich hatte jetzt Zeit, auf alles zu achten, auf einen Grashüpfer unter einem Busch, eine tote Schwalbe, eine Hasenspur, ein Vogelnest, auf Form und Farbe der Sandrippeln, auf die Blüten winziger Pflänzchen, die aus der Erde hervorlugten. Ich hatte Zeit, eine Pflanze einzusammeln oder einen Felsen genau zu betrachten. Gerade die Langsamkeit unseres Vordringens milderte dessen Monotonie. Und ich dachte, wie schrecklich langweilig es wohl wäre, wenn man durch dieses Land mit einem Automobil rasen würde. Mich auf einen Weg zu machen, von dem ich mir von Beginn an romantisch idealisierte Vorstellungen machte, besitzt noch eine andere Qualität; mich aus der gewohnten Alltagsroutine zu lösen, alles Vertraute, alles Getacktete und die Sicherheit versprechenden sozialen Beziehungen hinter mir zu lassen, sie gegen Fremde, Unsicherheit und Einsamkeit einzutauschen. Das Frühstück am nächsten Morgen entspricht spanischer Gewohnheit: abends isst man reichlich, am nächsten Morgen spartanisch. Es gibt die allgegenwärtigen Tostadas, weißes Brot mit Margarine und etwas Marmelade; dazu dünnen Filterkaffee. Vor halb acht bin ich bereits wieder auf dem Weg nach Bilbao, zurück ins Zentrum, zur Brücke über den Nervíon.

Sonntag, 8. Januar 2023

Ankunft in Bilbao


Heute Morgen weiß ich noch nicht, wohin ich gehen soll, nach Larrabetzu, nach Lezama oder gleich nach Bilbao. Es spielt auch keine Rolle, denn es bleibt mir überlassen, wohin ich wandere, denn auf einer Fußreise bin ich keines Menschen Untertan. Es wird auch heute so sein, wie in den letzten Tagen, darauf kann ich vertrauen: abends werde ich irgendwo angekommen sein.

Freitag, 6. Januar 2023

Der Baum von Gernika


Gernika! Allein der Name hat einen schrecklichen Klang und weckt eine bittere Erinnerung. Für die baskische Bevölkerung muss Picassos Gemälde im Zentrum der Stadt eine ständige Mahnung sein. Die ETA hätte es nie geben dürfen. Die Aufgabe des Künstlers besteht darin sich öffentlich zu machen. Pilgern bietet die Möglichkeit der unaufgeregten Besinnung auf das Wesentliche, ist Vorbereitung auf den Prozess der Veräußerung eigener Betroffenheit, die sich in den Erlebnissen und Erfahrungen spiegelt, mit denen es sich in dieser Welt besser leben lässt.

Dienstag, 3. Januar 2023

Ein Tag zwischen Tagen


Jede Reise, nicht nur eine Pilgerfahrt, bindet sich täglich an etwas, nur um sich kurz darauf wieder loszureißen. Den Reisenden erkennt man an der Bewegung, und daran, dass er wenig hinterlässt. Er kommt, nimmt wahr, und ist im nächsten Augenblick weitergegangen. Er gleicht einem Schatten in der hellen Sonne, der flüchtig seine Schritte quert. Nur selten hinterlässt er mehr.

Freitag, 30. Dezember 2022

Vom intensiven Gehen


Meine mäßige Kondition und die fantasierte Unsicherheit, abends eine Unterkunft zu finden, haben auch etwas Gutes. Beides hilft nicht weiter, und ich muss lernen, es loszulassen. Die kleinliche Sorge um das Dies und Das, die müßigen Gedanken, was auch immer kommt oder was werden wird, das alles verstellt meinen Blick auf die Gegenwart und den Augenblick. Nimmt mir die Initiative, und bindet mich an meine inneren Dämonen. Was ist gewonnen, wenn ich mich, Tag ein und Tag aus, mit diesen Gedanken beschäftige? Ändert sich am Ende des Tages deshalb etwas? Es schadet nicht, mir zu vertrauen, und auf das, was werden kann. Der Tag wird mir gelingen, was auch immer mir zufällt. Alles, was ich dazu brauche, liegt in mir. Zu Fuß zu reisen ist einfach schön. Ich bin auf das, was mir begegnet, nicht vorbereitet. Nichts ist vorhersehbar wie daheim. Immer gibt es etwas zu entdecken, das mich aus meiner Alltäglichkeit und Routine heraushebt und ablenkt, solange, bis die Gefühle wechseln.

Mittwoch, 28. Dezember 2022

Walfang in Deba


Tagelanges Gehen, allein mit sich in der Landschaft, öffnet den Blick für eine andere Wahrnehmung der Welt. Wer geht, befreit sich vom Diktat der automatisierten Fortbewegung, und nähert sich seiner wahren Natur. Gehen überlässt dem Menschen wieder die Initiative, und zählt zum Essentiellen des Menschseins. Auch dann noch, wenn wir davon nichts mehr wissen. Immer wieder denke ich über Titsangs Antwort nach. Wenn die Dinge so einfach lägen, wie diese paradox klingende Sentenz eines Zen-Meisters.

Samstag, 24. Dezember 2022

Zwischen Land und Meer


Wege entstehen erst, wenn jemand sie geht, belehrt uns Franz Kafka. Sein Bonmot verschweigt aber, dass es sich dabei um einen besonderen Weg handelt. Einen Weg oder Pfad tritt jemand ins Gelände, und er wird deutlich sichtbarer, und mit der Zeit breiter und bequemer zu gehen, wenn es Nachfolger gibt, die den gleichen Weg beschreiten. Kafka spricht sicher nicht von einem geografischen, physischen Weg, sondern meint einen inneren Weg, den Lebensweg, für den der äußere Weg ein Symbol darstellt.

Dienstag, 20. Dezember 2022

Eine der schönsten Städte


Ich weiß es nicht, kann es mir aber nicht vorstellen, dass Wilhelm Busch ein Pilger war. Ganz bestimmt war er kein Santiago-Pilger. Er weiß aber sehr genau, was ein Pilger wissen muss, will er auf den rechten Weg kommen: Er muss durch sich selbst hindurch. Er muss bereit sein, sich ohne Wenn und Aber auf den Weg einzulassen, gegenwärtig sein, dem Zufall vertrauen, nicht allzu weit vorausdenken und darauf bauen, dass letztlich alles gut wird.

Sonntag, 18. Dezember 2022

Aufbruch auf den Himmelspfad


Ein Zen-Kōan ist eine Sentenz, die sich nicht rational interpretieren lässt. Genauso fällt mir keine vernünftige Erklärung für meinen plötzlichen Entschluss ein, auf eine Fußreise, gar auf eine Pilgerfahrt, zu gehen. Der Zen-Meister Titsang fragt seinen Schüler Fayen: »Wohin gehst du?« Worauf Fayen antwortet: »Auf eine Pilgerreise.« Titsang will daraufhin von ihm den Grund für diese Reise wissen, und Fayen antwortet: »Ich kenne ihn nicht.« Eine absurde Situation, die keinen Europäer befriedigen wird, aber Titsang ist mit dieser Antwort nicht nur zufrieden, er lobt seinen Schüler mit den Worten: »Ihn nicht zu kennen, kommt ihm am nächsten.«