Durch die Porta de Santiago verlasse ich Lugos Altstadt. Durch leere Geschaftsstraßen geht´s hinunter an den Rio Miño. Die Läden sind so früh noch geschlossen und Pinchos gibt es in keiner Bar. Wieder einmal fällt mein Frühstück aus. Vorbei am Schwimmbad, das bis in den Fluss reicht, steigt der Camino Primitivo zurück in die Berge. Am anderen Ende der Stadt, an der neuen Fußgängerbrücke über den Fluss, verabschiedet ein silberner Legionär in voller Rüstung mit Schild und Speer die Pilger auf die letzten hundert Kilometer. Er ist zu müde, um Wegzoll zu fordern. Seine Rüstung hat an diesem regenschweren Morgen ihren Glanz verloren. Wer durch Lugo spaziert, bewegt sich unübersehbar auf historischem Boden. Tritt in die Spuren von Legionären, von Verwaltungsbeamten und Senatoren, römischen Plebejern, die Lugos Straßen einst bevölkerten, Versprengte auf interkulturellem Parkett. Gestern auf der Plaza Mayor, noch bevor ich vor der Kathedrale stehe, blicken ein Legionär und ein Senator auf mich herab. In Bronze gegossen strahlen sie unwidersprochen die Autorität von Besatzer aus.
Sonntag, 22. Januar 2023
Lucus Augusti, die Römerstadt
Der Camino Primitivo hat sich in Galicien verändert. Besonders die Beschaffenheit der Wege ist spürbar anders geworden. Sie haben zunehmend ihre Natürlichkeit verloren, sind zu breiten, planierten Forstwegen geworden, monotone Pisten, denen die Wanderromantik abhandengekommen ist. Sie sind mehr zu Kultur geworden als Natur geblieben. Ich glaube, es hat einmal andere Wege gegeben, in den vergangenen Jahren, als der Jakobsweg noch kein touristisches Event gewesen ist. Wenn es mir nicht gelingt, in den Atmosphären der Landschaft aufzugehen, lenken die perfekten Wanderwege meine Achtsamkeit für das Wesentliche ab, und stören mein Naturerlebnis. Plötzlich hat sich die Balance von Natur und Kultur verschoben. Gleich jenseits der Puerto del Acebo begann es; eigentlich bereits auf der improvisierten Grenze aus groben Steinen. Die gelbe Muschel hat sich nicht, wie erwartet, um 180 Grad gedreht, doch die Strahlen weisen uneindeutig mal in die eine, mal in die entgegengesetzte Richtung.
Freitag, 20. Januar 2023
Spuren der Vergangenheit
Berducedo ist eine von siebzehn Parroquias, eine der kleinen administrativen Verwaltungseinheiten und Kirchengemeinden unterhalb der Gemeindeebene (municipio), ähnlich einer Pfarrei oder einem Kirchspiel. Das Dorf duckt sich tief in eine Senke zwischen zwei Gipfel. Die beiden antiken Pilgerherbergen, Hospital de Fonfaraón am nordöstlichen und Hospital de Buspol am südwestlichen Pol, geben der Landschaft das Gepränge einer Halfpipe, die besser zu Fuß als mit einem Skateboard zu durchqueren ist. Berducedo bildet den ruhenden Pol zwischen den Berggraten, eine Atempause für den Wanderer, bevor es wieder aufwärts geht. In Berducedo nimmt die Wanderung durch eine außergewöhnliche Bergwelt für eine Weile ein Ende. Erst in Buspol beginnt der nächste steile Aufstieg, noch einmal hoch auf über tausend Meter, der viel zu schnell ins Tal des Navía führt, achthundert Meter hinab an einen langgestreckten See; ein Fußabdruck, den ein Riese in längst vergangenen Tagen in die Berge getreten hat.
Mittwoch, 18. Januar 2023
In lichten Höhen
Wer zur Bruderschaft gehört, schreibt Robert Louis Stevenson in sein Südseetagebuch, sucht nicht das Malerische, sondern bestimmte glückliche Stimmungen. Campiello oder Borres? So lautete die Frage gestern. Ich habe mich aus Neugier auf die touristische Atmosphäre am Jakobsweg eingelassen und mich für Campiello entschieden. Ein Ort, der einen Boom erlebt, der von der Konkurrenz um die Pilger profitiert. Wäre ich in Bali statt in Asturien, stände vor beiden Herbergen eine Ganesha-Skulptur. Shivas Sohn, würdigt man ihn auf die rechte Weise, schenkt glücklichen Handel und Wohlstand. Bisher ist noch niemand auf den Gedanken gekommen, eine Jakobusstatue aus Holz oder Stein in Campiello aufzustellen. Aber das kann noch kommen.
Regentage in Asturien
Der Tag beginnt mit Bob Dylan im Ohr. If dogs run free, singt der Barde mir ins Ohr, then why not we across the swooping plains? Die Wolken hängen schwer und nass über den Bergen. Durch den nebeligen Dunst flimmern die Gipfel wie eine Fata Morgana. Doch ich spüre, dass sie da sind. Früher oder später werden sie sich in ihrer majestätischen Schönheit zeigen. Bisher war es jeden Tag so: bis mittags war es bewölkt oder regnerisch, die Nachmittage waren hell und sonnig. Wie hoch die Berge wirklich aufragen, beschäftigt meine Fantasie. Die Bilder der letzten Tage haben sich zu einer Galerie versammelt, die einen Raum in mir füllen. Ich erinnere mich oft an die baskischen Berge, fast gegenwärtige Erinnerungen, lebhaft, pittoresk, lustbetont. Das Konterfei der neuen Landschaft kann die alte nicht auslöschen, sie ergänzt und erweitert meine Erinnerung und triggert meine Erwartungen.
Dienstag, 17. Januar 2023
Das Kloster zur Bärenpforte
Selten sind die Dinge, was sie zu sein scheinen. Aber sind sie deshalb gleich etwas Anderes? Sehnsucht! Unruhe! Fernweh! Das sind die drei Gefühle, die mich schon früh von zu Hause weglockten. Hätte ich vor einigen hundert Jahren gelebt, ich wäre zur See gefahren. Doch ich bin Ethnologe geworden und an Kultur, besonders an der spannenden Symbiose von Kultur und Landschaft, Geschichte und Literatur interessiert, an den Erzählungen, die sich Menschen über die Phänomene und die Ereignisse erzählen, die ihnen begegnet sind. Was mit Petroglyphen an Felswänden und Gemälden in finsteren Höhlen begann, mündete in eine unglaublich vielfältige, narrative Literatur. Es gibt unzählige Geschichten, und manche ragen wegen der Aura der Erstmaligkeit, die sie umgibt, unter ihnen hervor. So blieb es nicht aus, dass ich mich irgendwann auf dem Jakobsweg wiederfand, um den Apostel zu besuchen. Nicht im katholischen Sinne, nicht einmal im religiösen, eine Begegnung, die nicht wenig mit meiner Neugier auf ein Danach zu tun hat. Im Leben gibt es immer wieder Persönliches zu erledigen, und meine katholische Sozialisation gehört dazu.
Montag, 16. Januar 2023
Im Gefolge des ersten Pilgers
Reisegeschichten sind die ältesten Geschichten der Welt. Homers Odyssee oder die Aeneis des Vergil, aber auch die Legenden um den Apostel Jakobus und seine Ankunft in Galicien gehören dazu. Reisende, Händler und Vaganten, sowie die Heimkehrer, die lange fort gewesen sind, und viel Wunderbares gesehen haben, erzählen sie den Daheimgebliebenen. An den Abenden, im Schein der Kerzen oder des Feuers, dass vor dem Haus lodert, wenn die Arbeit getan ist und die Sonne versinkt. Wenn sich die Menschen versammeln, um miteinander zu reden, beginnen die Schatten auf der Leinwand des Erzählers zu tanzen. Die Geschichten erwachen zum Leben, wecken Sehnsucht und appellieren an die Fantasie der Zuhörer. Der Erzähler bringt Erinnerungen ins Leben zurück. Du wirst nie erfahren, ob es ein guter Weg ist, wenn du ihn nicht selbst gegangen bist!
Sonntag, 15. Januar 2023
Am Scheideweg
Jede Pilgerfahrt findet zwischen zwei biographischen Polen statt: eine Zeit des Aufbruchs und eine Zeit der Rückkehr. Dazwischen, in einer unbestimmten Zwischenwelt, ist der Pilger sich selbst und anderen ein Fremder, ein Peregrinus. Dort wo er ist, ist er ein Ausländer, einer, der weit weg von zu Hause ist, einer Welt gegenübersteht, der jegliche Vertrautheit fehlt. Unterwegs wird mir die Vergänglichkeit meines Lebens am deutlichsten bewusst. Während ich weiter gehe, verändert sich ständig alles um mich herum. Nichts bleibt, nichts kann ich festhalten, wie es in den Phasen der Sesshaftigkeit zu sein scheint, in denen man hofft, das Erreichte habe Bestand. Wir müssen zuerst vergessen, damit wir in der Erinnerung wieder erleben können, was an uns vorbei gegangen ist. Wir verstehen unser Leben immer erst im Nachhinein. Auf jeder Wanderung gibt es etwas zu erleben, jede Landschaft erzählt Geschichten. Reisen ist eine Bewegung im Raum, Erinnerung ist eine Bewegung in der Zeit, die uns unser Leben schließlich bewusster macht.
Samstag, 10. Dezember 2022
Bücher zum Thema
Wie wir uns erinnern, verändert auch, wie wir gelebt haben.
Wir machen Geschichten aus unserem Leben.
Guy Gavriel Kay
Meine Wanderungen auf deutschen und spanischen Jakobswegen führen die Publikationen anderer Pilger im Gepäck. Ich habe sie jahrelang mit mir herumgetragen, bevor ich aufgebrochen bin, und selbst dann waren sie in meinem Rucksack verstaut, auch wenn ich ihr Gewicht nicht mehr gespürt habe.
Nun ist vieles aus diesen Büchern in meine eigenen Erzählungen geflossen, ohne dass ich sagen kann, was es ist. Manchmal habe ich etwas zitiert, was mir wichtig ist, und viel Zeit verbracht, die entsprechende Stelle in einem der Bücher zu finden. Aber so ergeht es jedem Autor. Er steht auf den Schultern seiner Vorgänger, die ihn eine Zeitlang begleitet und inspiriert haben. Auf diese Weise entstehen geistige Gebäude, und jeder der will, kann an ihnen weiterbauen, und hinzufügen, was er zu geben hat. Und so bedanke ich mich bei den Autoren, deren Bücher ich in dieser unsortierten Liste zusammengestellt habe, und wünsche jedem, der weiterforschen will, eine lehrreiche und vergnügliche Lektüre.