Berducedo ist eine von siebzehn Parroquias, eine der kleinen administrativen Verwaltungseinheiten und Kirchengemeinden unterhalb der Gemeindeebene (municipio), ähnlich einer Pfarrei oder einem Kirchspiel. Das Dorf duckt sich tief in eine Senke zwischen zwei Gipfel. Die beiden antiken Pilgerherbergen, Hospital de Fonfaraón am nordöstlichen und Hospital de Buspol am südwestlichen Pol, geben der Landschaft das Gepränge einer Halfpipe, die besser zu Fuß als mit einem Skateboard zu durchqueren ist. Berducedo bildet den ruhenden Pol zwischen den Berggraten, eine Atempause für den Wanderer, bevor es wieder aufwärts geht. In Berducedo nimmt die Wanderung durch eine außergewöhnliche Bergwelt für eine Weile ein Ende. Erst in Buspol beginnt der nächste steile Aufstieg, noch einmal hoch auf über tausend Meter, der viel zu schnell ins Tal des Navía führt, achthundert Meter hinab an einen langgestreckten See; ein Fußabdruck, den ein Riese in längst vergangenen Tagen in die Berge getreten hat.
Freitag, 20. Januar 2023
Mittwoch, 18. Januar 2023
In lichten Höhen
Wer zur Bruderschaft gehört, schreibt Robert Louis Stevenson in sein Südseetagebuch, sucht nicht das Malerische, sondern bestimmte glückliche Stimmungen. Campiello oder Borres? So lautete die Frage gestern. Ich habe mich aus Neugier auf die touristische Atmosphäre am Jakobsweg eingelassen und mich für Campiello entschieden. Ein Ort, der einen Boom erlebt, der von der Konkurrenz um die Pilger profitiert. Wäre ich in Bali statt in Asturien, stände vor beiden Herbergen eine Ganesha-Skulptur. Shivas Sohn, würdigt man ihn auf die rechte Weise, schenkt glücklichen Handel und Wohlstand. Bisher ist noch niemand auf den Gedanken gekommen, eine Jakobusstatue aus Holz oder Stein in Campiello aufzustellen. Aber das kann noch kommen.
Regentage in Asturien
Der Tag beginnt mit Bob Dylan im Ohr. If dogs run free, singt der Barde mir ins Ohr, then why not we across the swooping plains? Die Wolken hängen schwer und nass über den Bergen. Durch den nebeligen Dunst flimmern die Gipfel wie eine Fata Morgana. Doch ich spüre, dass sie da sind. Früher oder später werden sie sich in ihrer majestätischen Schönheit zeigen. Bisher war es jeden Tag so: bis mittags war es bewölkt oder regnerisch, die Nachmittage waren hell und sonnig. Wie hoch die Berge wirklich aufragen, beschäftigt meine Fantasie. Die Bilder der letzten Tage haben sich zu einer Galerie versammelt, die einen Raum in mir füllen. Ich erinnere mich oft an die baskischen Berge, fast gegenwärtige Erinnerungen, lebhaft, pittoresk, lustbetont. Das Konterfei der neuen Landschaft kann die alte nicht auslöschen, sie ergänzt und erweitert meine Erinnerung und triggert meine Erwartungen.
Dienstag, 17. Januar 2023
Das Kloster zur Bärenpforte
Selten sind die Dinge, was sie zu sein scheinen. Aber sind sie deshalb gleich etwas Anderes? Sehnsucht! Unruhe! Fernweh! Das sind die drei Gefühle, die mich schon früh von zu Hause weglockten. Hätte ich vor einigen hundert Jahren gelebt, ich wäre zur See gefahren. Doch ich bin Ethnologe geworden und an Kultur, besonders an der spannenden Symbiose von Kultur und Landschaft, Geschichte und Literatur interessiert, an den Erzählungen, die sich Menschen über die Phänomene und die Ereignisse erzählen, die ihnen begegnet sind. Was mit Petroglyphen an Felswänden und Gemälden in finsteren Höhlen begann, mündete in eine unglaublich vielfältige, narrative Literatur. Es gibt unzählige Geschichten, und manche ragen wegen der Aura der Erstmaligkeit, die sie umgibt, unter ihnen hervor. So blieb es nicht aus, dass ich mich irgendwann auf dem Jakobsweg wiederfand, um den Apostel zu besuchen. Nicht im katholischen Sinne, nicht einmal im religiösen, eine Begegnung, die nicht wenig mit meiner Neugier auf ein Danach zu tun hat. Im Leben gibt es immer wieder Persönliches zu erledigen, und meine katholische Sozialisation gehört dazu.
Montag, 16. Januar 2023
Im Gefolge des ersten Pilgers
Reisegeschichten sind die ältesten Geschichten der Welt. Homers Odyssee oder die Aeneis des Vergil, aber auch die Legenden um den Apostel Jakobus und seine Ankunft in Galicien gehören dazu. Reisende, Händler und Vaganten, sowie die Heimkehrer, die lange fort gewesen sind, und viel Wunderbares gesehen haben, erzählen sie den Daheimgebliebenen. An den Abenden, im Schein der Kerzen oder des Feuers, dass vor dem Haus lodert, wenn die Arbeit getan ist und die Sonne versinkt. Wenn sich die Menschen versammeln, um miteinander zu reden, beginnen die Schatten auf der Leinwand des Erzählers zu tanzen. Die Geschichten erwachen zum Leben, wecken Sehnsucht und appellieren an die Fantasie der Zuhörer. Der Erzähler bringt Erinnerungen ins Leben zurück. Du wirst nie erfahren, ob es ein guter Weg ist, wenn du ihn nicht selbst gegangen bist!
Sonntag, 15. Januar 2023
Am Scheideweg
Jede Pilgerfahrt findet zwischen zwei biographischen Polen statt: eine Zeit des Aufbruchs und eine Zeit der Rückkehr. Dazwischen, in einer unbestimmten Zwischenwelt, ist der Pilger sich selbst und anderen ein Fremder, ein Peregrinus. Dort wo er ist, ist er ein Ausländer, einer, der weit weg von zu Hause ist, einer Welt gegenübersteht, der jegliche Vertrautheit fehlt. Unterwegs wird mir die Vergänglichkeit meines Lebens am deutlichsten bewusst. Während ich weiter gehe, verändert sich ständig alles um mich herum. Nichts bleibt, nichts kann ich festhalten, wie es in den Phasen der Sesshaftigkeit zu sein scheint, in denen man hofft, das Erreichte habe Bestand. Wir müssen zuerst vergessen, damit wir in der Erinnerung wieder erleben können, was an uns vorbei gegangen ist. Wir verstehen unser Leben immer erst im Nachhinein. Auf jeder Wanderung gibt es etwas zu erleben, jede Landschaft erzählt Geschichten. Reisen ist eine Bewegung im Raum, Erinnerung ist eine Bewegung in der Zeit, die uns unser Leben schließlich bewusster macht.
Donnerstag, 12. Januar 2023
Abschied vom Baskenland
Die Herausforderung einer wochenlangen Fußreise besteht nicht in den hunderten Kilometern, die zurückgelegt werden, das kann jeder, der seinen Rhythmus findet. Das Besondere liegt darin, überhaupt aufzubrechen, die Freuden und das Glück zu erleben, sich willentlich auf Strapazen einzulassen, die man sich anfangs nicht vorstellen kann. Eines bedingt das andere. Zu Fuß zu reisen, ist unvergleichbar. Mit dem Gefühl, ein technisches Fortbewegungsmittel, etwa ein Fahrrad oder Auto zu benutzen, hat das nichts mehr zu tun. Der 2003 verstorbene Sir Wilfred Thesiger war einer der letzten Entdecker. Als erster Europäer durchquerte er mehrfach die Rub-al-Khali, das Leere Viertel, eine der großen Wüsten der arabischen Halbinsel. In seiner Reiseerzählung Die Brunnen der Wüste setzte er der untergehenden, traditionellen Nomadenkultur ein literarisches Denkmal. Eindringlich schildert er in seinem Buch, was eine Fußreise so außergewöhnlich macht: Ich hatte jetzt Zeit, auf alles zu achten, auf einen Grashüpfer unter einem Busch, eine tote Schwalbe, eine Hasenspur, ein Vogelnest, auf Form und Farbe der Sandrippeln, auf die Blüten winziger Pflänzchen, die aus der Erde hervorlugten. Ich hatte Zeit, eine Pflanze einzusammeln oder einen Felsen genau zu betrachten. Gerade die Langsamkeit unseres Vordringens milderte dessen Monotonie. Und ich dachte, wie schrecklich langweilig es wohl wäre, wenn man durch dieses Land mit einem Automobil rasen würde. Mich auf einen Weg zu machen, von dem ich mir von Beginn an romantisch idealisierte Vorstellungen machte, besitzt noch eine andere Qualität; mich aus der gewohnten Alltagsroutine zu lösen, alles Vertraute, alles Getacktete und die Sicherheit versprechenden sozialen Beziehungen hinter mir zu lassen, sie gegen Fremde, Unsicherheit und Einsamkeit einzutauschen. Das Frühstück am nächsten Morgen entspricht spanischer Gewohnheit: abends isst man reichlich, am nächsten Morgen spartanisch. Es gibt die allgegenwärtigen Tostadas, weißes Brot mit Margarine und etwas Marmelade; dazu dünnen Filterkaffee. Vor halb acht bin ich bereits wieder auf dem Weg nach Bilbao, zurück ins Zentrum, zur Brücke über den Nervíon.
Sonntag, 8. Januar 2023
Ankunft in Bilbao
Heute Morgen weiß ich noch nicht, wohin ich gehen soll, nach Larrabetzu, nach Lezama oder gleich nach Bilbao. Es spielt auch keine Rolle, denn es bleibt mir überlassen, wohin ich wandere, denn auf einer Fußreise bin ich keines Menschen Untertan. Es wird auch heute so sein, wie in den letzten Tagen, darauf kann ich vertrauen: abends werde ich irgendwo angekommen sein.
Freitag, 6. Januar 2023
Der Baum von Gernika
Gernika! Allein der Name hat einen schrecklichen Klang und weckt eine bittere Erinnerung. Für die baskische Bevölkerung muss Picassos Gemälde im Zentrum der Stadt eine ständige Mahnung sein. Die ETA hätte es nie geben dürfen. Die Aufgabe des Künstlers besteht darin sich öffentlich zu machen. Pilgern bietet die Möglichkeit der unaufgeregten Besinnung auf das Wesentliche, ist Vorbereitung auf den Prozess der Veräußerung eigener Betroffenheit, die sich in den Erlebnissen und Erfahrungen spiegelt, mit denen es sich in dieser Welt besser leben lässt.
Dienstag, 3. Januar 2023
Ein Tag zwischen Tagen
Jede Reise, nicht nur eine Pilgerfahrt, bindet sich täglich an etwas, nur um sich kurz darauf wieder loszureißen. Den Reisenden erkennt man an der Bewegung, und daran, dass er wenig hinterlässt. Er kommt, nimmt wahr, und ist im nächsten Augenblick weitergegangen. Er gleicht einem Schatten in der hellen Sonne, der flüchtig seine Schritte quert. Nur selten hinterlässt er mehr.