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Montag, 6. Februar 2023

Im Grenzland


Wer reist, der sucht.
Was? Das Andere.
Das Fremde. Und sich selbst.
Wer die Welt nicht aufsucht,
wird sich nicht finden
.
Christian Schüle

Die Ortschaften werden immer kleiner, immer seltener, immer menschenleerer. Vor ein paar Tagen habe ich die Vía de la Plata verlassen, die weiter nordwärts in Astorga auf dem französischen Weg endet. Ich bin in Granja de Moreruelo nach Westen auf den Camino Sanabrés abgebogen, der nördlich entlang der portugiesischen Grenze über Ourense nach Santiago de Compostela führt. Seit mindestens einer Woche wandere ich von einer Sierra in die andere, windzerzauste Hochebenen ohne Landwirtschaft, auf der blühende Sträucher und nur gelegentlich Bäume wachsen. Eine unversehrte Landschaft, eine Heide unter weitem Himmel, sonnengeflutet, sodass das Auge oft schmerzt. Ein Vogelland, ein Pferde- und Kaninchenland, so ausgedehnt, dass es ein Vergnügen ist, zu wandern.
Ich komme gut voran, aber es bleibt kalt. Die Sonne scheint, doch der Wind bläst eisig. Heute Morgen sind es wieder nur zwei Grad. Wieder steife Finger und eine laufende Nase. Nur langsam wird es in der Höhe wärmer, aber noch nicht warm. Trotzdem wird mir heiß beim Gehen, ich schwitze. Der Wind findet jede Lücke in meiner Kleidung und nimmt die fragile Wärme mit sich, die mir lose auf der Haut liegt. Ich friere, flüchte in eine Bar, trinke heißen Tee und freue mich über den Ofen, der die Luft im Raum erwärmt. Mit meiner viel zu dünnen Kleidung bin ich nicht auf diese Temperaturen eingestellt. Wieder habe ich alles übereinander angezogen, was im Rucksack ist. Ultra Light-Wandern im Frühling, auf fast tausend Metern, ist nicht umsonst zu haben. Gewicht ist Angst, das Unbehagen, die vertraute Sicherheit aufzugeben, so propagieren es die amerikanischen Thruhiker. Das ist richtig, aber es fällt schwer, auf warme Kleidung zu verzichten. Aber Wolle ist platzraubend und schwer, Funktionskleidung wiegt noch weniger als Baumwolle. Die ist ohnehin nutzlos. Ist sie erst einmal durchgeschwitzt, trocknet sie ewig nicht. Trotzdem geht es mir gut und meistens fühle ich mich unterwegs wohl. Der Flow des Wanderns schärft alle Sinne, lenkt den Blick weg von den Missempfindungen auf die Umgebung und ermöglicht eine ganzheitliche Präsenz. Er gibt mir psychisch mehr, als es mich physisch kostet.

Mittwoch, 1. Februar 2023

Im Herzen der Extremadura


Eh das Ziel mir war bewusst,
Wanderte ich leicht,
Habe manche Höhenlust,
Manches Glück erreicht
.
Hermann Hesse

Nur aus weiter Ferne nehme ich am Daheimgebliebenen teil. Es sind Splitter eines Lebens, das anderswo stattfindet und in der Erinnerung weiterlebt. Der lange und trübe Berliner Winter, der oft auf der Schwelle zur Depression schlittert, ging in diesem Jahr früh zu Ende. Es ist immer eine kleine Erlösung, wenn die Frühlingssonne den April beglückt, die Brust weitet, und zum ersten Mal über den Winter triumphiert. Während ich über nasse und schlammige Wege wandere, in feuchter Kleidung, unter viel zu oft grauem Himmel, der kein Foto wirklich gelingen lässt, liegen die Berliner in der Sonne und genießen die Wärme. Zu Hause dürstet die Natur, hier ertrinkt sie. Als ich meine Fußreise im April begann, träumte ich von mediterraner Frühlingssonne, nicht zu heiß, an einem blauen Himmel. Die Wirklichkeit hat meine Vorstellungen korrigiert, und mir neue Erfahrungen bereitet, auf die ich weder vorbereitet war, und die ich mir nicht gewünscht habe. Trotzdem frage ich mich: Ist dieser Frühling in Berlin noch ein Frühling oder ein viel zu früher Sommer?

Sonntag, 29. Januar 2023

Tage in der Römerstadt


One day,
you'll look to see I've gone.
For tomorrow may rain,
so I'll follow the sun
.
The Beatles

Ein Drittel der Vía de la Plata liegt mit unterschiedlichen Begegnungen und Erlebnissen hinter mir. Der Weg führt nach Norden, immer weiter nordwärts, und meistens zieht die Sonne ihre Bahn über mir. Oft wünsche ich mir, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich glaube, wenn ich mich in Raum und Zeit bewege, anstatt irgendwo zu warten, ist das einfacher. Vielleicht nur eine Illusion, doch sie fühlt sich gut an. Beim Wandern entsteht die richtige Balance zwischen Geschwindigkeit, dem Verlauf der Zeit, der Stabilität des Bodens unter meinen Sohlen und der Beharrlichkeit des Raums.
Die Landschaft wird wieder schöner, das Wetter leider nicht. Erneut ist es kalt geworden, und ich muss meine Daunenjacke auspacken, die ich vor ein paar Tagen, allzu optimistisch, tief im Rucksack verstaut habe. Die Etappen werden länger und es ist schwierig geworden, sie zu verkürzen. Es gibt nicht so viele Herbergen wie auf den nordspanischen Jakobswegen. Mehr als einnmal liegen dreißig bis vierzig Kilometer zwischen den Unterkünften; wildcampen ist in Spanien offiziell nicht erlaubt, außerdem benötigt es zusätzliche Ausrüstung. Ich wandere lieber leichtfüßig über die Wege als mit zu viel Gepäck auf dem Rücken.

Samstag, 28. Januar 2023

Diesseits des Duero


Auf jedem Spaziergang gibt es etwas zu erleben,
und jeder Pfad hat etwas zu erzählen
.
Robert Macfarlane

Abschied von Andalusien. Die südspanische Landschaft, nördlich von Sevilla, nur eine kurze Begegnung. Andalusien ist noch viel mehr. Wirklich kennengelernt habe ich die Landschaft dieses Mal nicht. Dazu reichen fünf Tage nicht aus. Meine Erinnerung nehmen die zahlreichen Dehesas ein. Nordwestliches Andalusien - Dehesaland der Stein- und Korkeichen, auf denen ich nach Tieren Ausschau halte, und hin und wieder Vögel sehe, sie meistens nur höre. Ein eingezäuntes Land, das mir seine Tore öffnet, und mich durch die friedliche Parklandschaft einer Baumsavanne wandern lässt, die meine Sinne streichelt und meine Gedanken ruhig werden lässt. Viehzucht und Fleischproduktion dominieren die Landwirtschaft. Selbst die domestizierten Tiere leben in Freiheit: Rinder, Schafe und das schwarze, iberische Schwein. Keine Mastbetriebe, die kommen erst später. Die hügelige Landschaft breitet sich in Wellen aus. Maultierpfade mäandern auf und ab, einmal steil und steinig aufwärts, abwärts und aufwärts, dann wieder schmal und im Gelände kaum auszumachen, dann breite Wirtschaftswege, der Boden von Rädern verdichtet. Morgens begleitet mich mein Freund der Kuckuck unsichtbar ein Stück des Wegs und ruft mir aus der Ferne einen Gruß zu.

Mittwoch, 25. Januar 2023

Baumsavannen und weiße Dörfer


Kultur ist das, was in Auseinandersetzung
mit dem Fremden entsteht, sie stellt das Produkt
der Veränderung des Eigenen durch
die Aufnahme des Fremden dar
.
Mario Erdmann

Kultur ist ein großes Wort, das vieles umfasst. Was ist nicht alles Kultur! Vor allem die Sprache, die die vielen Gegenstände bezeichnet, die uns umgeben, damit wir über sie reden können. Kunst und Handwerk, unsere Wirtschaft, unsere sozialen und politischen Systeme und unsere Religion. Weltanschauung, Lebensweise, Moral und Ethik. Kultur ist unsere Lebenswelt und alles, was sie bedeutet. All das sind wir, ob wir wollen oder nicht. Auf einer Wanderung, besonders auf einer Fußreise, bewegt sich jeder durch Kultur, nicht nur die der Städte, auch die, die eine Landschaft äußert, die weitaus subtiler ist und ein hohes Maß an Achtsamkeit erfordert. Kultur umgibt den Wanderer unmittelbar. Sie hüllt ihn ein, konfiguriert seine Wahrnehmung, und bietet ihm Herausforderungen, Überraschungen, Spannung und Antworten, oft auf Fragen, die seine Anwesenheit provoziert, und an die er selbst nicht gedacht hat. Die Schwierigkeit besteht darin, dass zu sehen, was wirklich da ist. Viele glauben mittlerweile, Kultur erschöpft sich in unseren Freizeitaktivitäten: in Theaterbesuchen, in Literatur und Musik, in Bars, Kinos und Restaurants, in sozialen Events, im alltäglich Vertrauten.

Dienstag, 24. Januar 2023

In Sevilla


You, who are on the road
Must have a code that you can live by
And so, become yourself
Because the past is just a goodbye
.
Crosby, Stills and Nash

Seit gestern bin ich in Sevilla, am Beginn einer wochenlangen Fußreise durch das nördliche Andalusien, durch die Extremadura, Kastilien-Léon und Galicien. In drei Monaten will ich diese Landschaften zu Fuß durchqueren. Tag für Tag. Ich will sie mit allen Sinnen wahrnehmen, will sie sehen, ihre Atmosphären spüren, riechen und schmecken, was sie bereithalten, hören, was in ihnen vorgeht, sie berühren und mich von ihnen berühren lassen. Schon allein die Namen lösen Fantasien und Assoziationen aus, die bis in eine kaum bekannte Geschichte hinabreichen und darüber hinaus in das Reich der Sage und des Märchens. Andalusien gehörte einst zum maurischen Spanien; Kalifen, Astrologen, Heiler und Fakire, Schlangenbeschwörer und Märchenerzähler, prachtvolle Paläste und Moscheen. Tausend und eine Nacht, aristotelische Philosophie, weltumspannende Weisheit. Drei Kulturen kamen in dieser Epoche auf der iberischen Halbinsel zusammen, damals, als die westgotische Kultur versank. Wer in Spanien wandert, findet überall ihre Hinterlassenschaften, nicht nur materiell. Die modernen Spanier und Spanierinnen verkörpern sie alle. In den Straßen von Sevilla findet man sie in Phänotyp und Temperament vertreten: die Nachkommen der Goten, Mauren und Juden.

Montag, 23. Januar 2023

Einstimmung


Erst die Möglichkeit
einen Traum zu verwirklichen,
macht unser Leben lebenswert
.
Paulo Coelho

Henry David Thoreau fordert uns in seinem Klassiker Walden – oder ein Leben in den Wäldern auf, in Richtung unserer Träume zu leben. Dann werden wir Erfahrungen machen, verspricht er, die wir uns gewöhnlich nicht vorstellen können. Doch dazu ist notwendig, fährt er fort, mancherlei zurückzulassen, eine unsichtbare Grenze zu überschreiten, damit sich neue und freiere Gesetze um uns bilden können oder die alten ausgedehnt werden. Wer Thoreau beim Wort nimmt, dem öffnet sich die Welt der Pilgerfahrt, die sich in postmodernen Zeiten fast vollständig von konfessionellen Doktrinen gelöst hat. Beim Aufbruch fragte ich mich nicht, ob ich ein Pilger bin, wenn ich auf Pilgerwegen wandere, die von ungezählten Pilgerfüßen in die Landschaft getreten wurden, Spuren, die nicht verwehen; selbst Jahrhunderte später nicht. Ich kam durch Orte und Landschaften, fand Artefakte, denen die Anwesenheit unzähliger Pilger eingeschrieben ist, jahrhundertelang. Durch Dörfer, die vorspiegeln, es gab sie schon immer. Durch Landschaften, deren Transitheiligtümer, Kirchen und Paläste Geschichte atmen. Ich hatte mir eine Fußreise vorgestellt, eine lange Wanderung, die zu einer Pilgerfahrt wurde, anders als ich erwartete. Die vielen Wege, die ich gegangen bin, mündeten wie Flüsse in einen Ozean, ein Strom erweitertes Leben, zu fernen Horizonten, die meinem Blick anfangs verborgen waren, auf ein Ziel gerichtet, das ich selbst war. Solche Ziele liegen immer am anderen Ufer, jenseits des Vertrauten, inmitten der Liminalität. Mittendurch führt der Weg ans Ziel, nicht außen herum. Letztlich ist der richtige Weg unvermeidbar, sonst gilt Adornos Wort, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Zukunft ist Apräsenz! Der erste Schritt einer Wanderung, gleichgültig, wie man sie nennt, führt immer in einen Schwellenzustand. Altes trägt nicht länger, Neues muss erst erworben werden: Abschied und Neubeginn, dazwischen liegt die Gegenwart einer Fußreise, der Wanderung, der Pilgerschaft. Wer sonst bricht zu einer solchen Wanderung auf? Der Wanderer wird zum Schwellenwesen, zum Pilger, wenn er die zwischen den beiden Polen liegende liminale Zone betritt.

Samstag, 10. Dezember 2022

Bücher zum Thema


Wie wir uns erinnern, verändert auch, wie wir gelebt haben.
Wir machen Geschichten aus unserem Leben.
Guy Gavriel Kay

Meine Wanderungen auf deutschen und spanischen Jakobswegen führen die Publikationen anderer Pilger im Gepäck. Ich habe sie jahrelang mit mir herumgetragen, bevor ich aufgebrochen bin, und selbst dann waren sie in meinem Rucksack verstaut, auch wenn ich ihr Gewicht nicht mehr gespürt habe.

Nun ist vieles aus diesen Büchern in meine eigenen Erzählungen geflossen, ohne dass ich sagen kann, was es ist. Manchmal habe ich etwas zitiert, was mir wichtig ist, und viel Zeit verbracht, die entsprechende Stelle in einem der Bücher zu finden. Aber so ergeht es jedem Autor. Er steht auf den Schultern seiner Vorgänger, die ihn eine Zeitlang begleitet und inspiriert haben. Auf diese Weise entstehen geistige Gebäude, und jeder der will, kann an ihnen weiterbauen, und hinzufügen, was er zu geben hat. Und so bedanke ich mich bei den Autoren, deren Bücher ich in dieser unsortierten Liste zusammengestellt habe, und wünsche jedem, der weiterforschen will, eine lehrreiche und vergnügliche Lektüre.