Wer reist, der sucht.
Was? Das Andere.
Das Fremde. Und sich selbst.
Wer die Welt nicht aufsucht,
wird sich nicht finden.
Christian Schüle
Die Ortschaften werden immer kleiner, immer seltener, immer menschenleerer. Vor ein paar Tagen habe ich die Vía de la Plata verlassen, die weiter nordwärts in Astorga auf dem französischen Weg endet. Ich bin in Granja de Moreruelo nach Westen auf den Camino Sanabrés abgebogen, der nördlich entlang der portugiesischen Grenze über Ourense nach Santiago de Compostela führt. Seit mindestens einer Woche wandere ich von einer Sierra in die andere, windzerzauste Hochebenen ohne Landwirtschaft, auf der blühende Sträucher und nur gelegentlich Bäume wachsen. Eine unversehrte Landschaft, eine Heide unter weitem Himmel, sonnengeflutet, sodass das Auge oft schmerzt. Ein Vogelland, ein Pferde- und Kaninchenland, so ausgedehnt, dass es ein Vergnügen ist, zu wandern.
Ich komme gut voran, aber es bleibt kalt. Die Sonne scheint, doch der Wind bläst eisig. Heute Morgen sind es wieder nur zwei Grad. Wieder steife Finger und eine laufende Nase. Nur langsam wird es in der Höhe wärmer, aber noch nicht warm. Trotzdem wird mir heiß beim Gehen, ich schwitze. Der Wind findet jede Lücke in meiner Kleidung und nimmt die fragile Wärme mit sich, die mir lose auf der Haut liegt. Ich friere, flüchte in eine Bar, trinke heißen Tee und freue mich über den Ofen, der die Luft im Raum erwärmt. Mit meiner viel zu dünnen Kleidung bin ich nicht auf diese Temperaturen eingestellt. Wieder habe ich alles übereinander angezogen, was im Rucksack ist. Ultra Light-Wandern im Frühling, auf fast tausend Metern, ist nicht umsonst zu haben. Gewicht ist Angst, das Unbehagen, die vertraute Sicherheit aufzugeben, so propagieren es die amerikanischen Thruhiker. Das ist richtig, aber es fällt schwer, auf warme Kleidung zu verzichten. Aber Wolle ist platzraubend und schwer, Funktionskleidung wiegt noch weniger als Baumwolle. Die ist ohnehin nutzlos. Ist sie erst einmal durchgeschwitzt, trocknet sie ewig nicht. Trotzdem geht es mir gut und meistens fühle ich mich unterwegs wohl. Der Flow des Wanderns schärft alle Sinne, lenkt den Blick weg von den Missempfindungen auf die Umgebung und ermöglicht eine ganzheitliche Präsenz. Er gibt mir psychisch mehr, als es mich physisch kostet.



























