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Mittwoch, 25. Januar 2023

Baumsavannen und weiße Dörfer


Kultur ist das, was in Auseinandersetzung
mit dem Fremden entsteht, sie stellt das Produkt
der Veränderung des Eigenen durch
die Aufnahme des Fremden dar
.
Mario Erdmann

Kultur ist ein großes Wort, das vieles umfasst. Was ist nicht alles Kultur! Vor allem die Sprache, die die vielen Gegenstände bezeichnet, die uns umgeben, damit wir über sie reden können. Kunst und Handwerk, unsere Wirtschaft, unsere sozialen und politischen Systeme und unsere Religion. Weltanschauung, Lebensweise, Moral und Ethik. Kultur ist unsere Lebenswelt und alles, was sie bedeutet. All das sind wir, ob wir wollen oder nicht. Auf einer Wanderung, besonders auf einer Fußreise, bewegt sich jeder durch Kultur, nicht nur die der Städte, auch die, die eine Landschaft äußert, die weitaus subtiler ist und ein hohes Maß an Achtsamkeit erfordert. Kultur umgibt den Wanderer unmittelbar. Sie hüllt ihn ein, konfiguriert seine Wahrnehmung, und bietet ihm Herausforderungen, Überraschungen, Spannung und Antworten, oft auf Fragen, die seine Anwesenheit provoziert, und an die er selbst nicht gedacht hat. Die Schwierigkeit besteht darin, dass zu sehen, was wirklich da ist. Viele glauben mittlerweile, Kultur erschöpft sich in unseren Freizeitaktivitäten: in Theaterbesuchen, in Literatur und Musik, in Bars, Kinos und Restaurants, in sozialen Events, im alltäglich Vertrauten.

Dienstag, 24. Januar 2023

In Sevilla


You, who are on the road
Must have a code that you can live by
And so, become yourself
Because the past is just a goodbye
.
Crosby, Stills and Nash

Seit gestern bin ich in Sevilla, am Beginn einer wochenlangen Fußreise durch das nördliche Andalusien, durch die Extremadura, Kastilien-Léon und Galicien. In drei Monaten will ich diese Landschaften zu Fuß durchqueren. Tag für Tag. Ich will sie mit allen Sinnen wahrnehmen, will sie sehen, ihre Atmosphären spüren, riechen und schmecken, was sie bereithalten, hören, was in ihnen vorgeht, sie berühren und mich von ihnen berühren lassen. Schon allein die Namen lösen Fantasien und Assoziationen aus, die bis in eine kaum bekannte Geschichte hinabreichen und darüber hinaus in das Reich der Sage und des Märchens. Andalusien gehörte einst zum maurischen Spanien; Kalifen, Astrologen, Heiler und Fakire, Schlangenbeschwörer und Märchenerzähler, prachtvolle Paläste und Moscheen. Tausend und eine Nacht, aristotelische Philosophie, weltumspannende Weisheit. Drei Kulturen kamen in dieser Epoche auf der iberischen Halbinsel zusammen, damals, als die westgotische Kultur versank. Wer in Spanien wandert, findet überall ihre Hinterlassenschaften, nicht nur materiell. Die modernen Spanier und Spanierinnen verkörpern sie alle. In den Straßen von Sevilla findet man sie in Phänotyp und Temperament vertreten: die Nachkommen der Goten, Mauren und Juden.