Donnerstag, 3. April 2025

Auf Jakobswegen ans Ende der Welt


Gehen ist eine Tugend, Tourismus eine Todsünde.
Werner Herzog
What life has taught me I would like to share
with those who want to learn

Bob Marley

Himmelspfad und Sternenfeld ist kein Wanderführer, ich sage es lieber gleich. Ich erzähle auch nicht kontinuierlich von einer Fußreise, die dann doch zu einer Pilgerfahrt wurde, biete keine monotone Tag-für-Tag-Beschreibung vom Ausgang der Wanderung bis an ihr Ende, beschreibe nicht minutiös einen Tagesablauf nach dem nächsten. Obwohl ich das auch tue, denn es gehört zu einer Wanderung, dass die Ereignisse des Tages und der bewältigte Weg Schritt für Schritt und Tag für Tag immer wichtiger werden, weil sie dem Wanderer, dessen Körper wochenlang nichts anderes unternimmt, als zu gehen, zu essen und zu schlafen, ihren Rhythmus auf den Leib schreiben. Ich erzähle von mehr und von anderem. Das eine oder andere Zitat, die eine oder andere Bemerkung, mag sich auf der einen oder anderen Seite wiederholen, weil sie zu den geschilderten Ereignissen passen, denn ich habe die Erzählungen meiner Wanderungen nicht kontinuierlich geschrieben, sondern an mehreren Orten, unter unterschiedlichen Umständen, mit langen Pausen zu verschiedenen Zeiten. Sie zu »säubern« oder auch nur zu glätten, fällt mir nicht ein, denn sie würden das Spontane verlieren, das dem Erlebten eigen ist.

Montag, 31. März 2025

Berggärten und Flusstürme


Die Rückkehr einer Reise hat
für mich seit jeher einen bitteren
Beigeschmack: Kaum zu Hause,
träume ich schon wieder mit einer
Weltkarte vor Augen von neuen
Ländern und berausche mich an
Erzählungen aus der Ferne und dem
Zauber fremdländischer Namen.

Marie-Édith Laval

Der Weg ist das Ziel heißt es, aber das ist nicht immer so. Am Ende trägt der Weg den Sieg davon, muss auch Jean-Christophe Rufin feststellen. Wenn es um den Jakobsweg geht, tut man sowieso nie, was man will. Der Camino de Santiago führt an das Ziel aller Ziele, so glaubt der Pilger, noch naiv vor der eigenen Haustüre, der sich seine Fußreise imaginiert. Der Camino de Santiago ist ein besonderer Weg. Natürlich ist jede Fernreise etwas Besonderes, da bildet der Camino keine Ausnahme. Doch anders als andere Wege ist er mit Spiritualität aufgeladen. Der Spiritualität, den Pilger seit nun mehr als tausend Jahren in den Weg eintreten, mit den vielen Klöstern, Einsiedeleien, Kapellen, Kirchen und Basiliken und den spirituellen Bedürfnissen, die jeder Pilger im Herzen mit auf den Weg bringt.

Jeder Ort am Camino Francés ist nicht mehr als ein Durchgang durch eine Welt, in der ich weniger als ein Zaungast bin. Eingetroffen, ein Hauch der Atmosphäre eingesogen, schon wieder vorbei. Ich bin nur Gast auf Erden! Weiter und immer weiter, das Los des Pilgers. Fremd gekommen, fremd gegangen. Peregrino!

Mittwoch, 26. März 2025

Estella am Sternenweg


There`s a natural mystic
Blowin` through the air
If you listen carefully
Now you will hear

Bob Marley

Ich mache keine Reise, sondern viele kleine Reisen, die sich wie ein Puzzle allmählich zu einem Bild fügen. Jeden Tag muss ich mich neu motivieren. Kein Tag ist wie ein anderer. Eine Fernwanderung ist ein Rodeo; einmal bin ich oben, dann stürze ich ab, und ich weiß nie, ob es geschieht oder wann es so weit ist. Deshalb ist es so wichtig, meinen eigenen Rhythmus zu finden, mein eigenes Tempo: physisch und physisch. Es geht mir schon lange nicht mehr um Effizienz. Es geht um Suffizienz, um Genügsamkeit, Selbstbegrenzung, Konsumverzicht, Entschleunigung, ganz allgemein, um das Abwerfen von Ballast. Slow Food / Slow Travel. Im Zeitalter der Hypermobilität ist regelmäßig zu gehen subversiv. Durch das Pilgers habe ich die Langsamkeit wiederentdeckt, schreibt Susanne Laser in ihrem vergnüglichen, und darüber hinaus sehr lehrreichen Pilgerbuch Kein Hawaii, und gespürt, wie zerstörerisch es für den Körper ist, einem fremden Tempo ausgesetzt zu sein. Der Entschleunigung, der Wiederentdeckung der Langsamkeit, hat sich der Verein zur Verzögerung der Zeit verschrieben. Was die anderen tun, das ist, was die anderen tun. Ich kann nur ich sein. Was ich auf einer Fernwanderung lernen kann, denn nichts anderes ist pilgern, ist bei mir zu sein, mich nicht erst zu finden, sondern von Beginn an Ich zu sein. Woher weiß ich, wer Ich bin? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, brauche ich nur nach innen zu spüren. Wer sonst als Ich kennt die Antwort auf diese Frage.

Sonntag, 23. März 2025

Auftakt in Navarra


Es gibt nichts Schöneres als
den Augenblick, der einer Reise
vorangeht, den Moment, in dem der
Horizont von morgen uns besucht
und uns Versprechungen macht.

Milan Kundera

Ich habe mich schon oft gefragt: Wie bin ich auf die Idee gekommen, erst nachdem ich pensioniert war, auf den Jakobsweg zu gehen? Und mehr noch: Warum will ich das immer wieder tun, nun bereits zum dritten Mal? Wenn ich nachdenke, mein Bedürfnis hinterfrage, fallen mir rationale, nachgereichte Gründe ein, die etwas erklären wollen, was nicht zu erklären ist, denn es ist irrational. Die Antwort, die mich letztlich überzeugt: Es muss einen Jakobswegvirus geben. Angesteckt wurde ich bereits in den 1970er Jahren, als ich mit Freunden zufällig in Santiago de Compostela ankam, ohne etwas von einem Jakobsweg zu ahnen oder davon, dass man ihn pilgern kann. Es gab eine lange Inkubationsphase, in der ich viel gewandert und gereist bin, doch schließlich brach die Krankheit unbemerkt aus, nur konnte ich mir die Symptome lange Zeit nicht erklären.

Donnerstag, 20. März 2025

Hemingway in Pamplona


Die Welt ist voller offensichtlicher Dinge,
die nie jemand wahrnimmt
.
Arthur Conan Doyle

Dem Regionalzug nach Pamplona fehlen die Fahrgäste. Mein Abteil ist fast leer. Dafür habe ich endlich Raum genug, freie Platzwahl, und muss mich nicht drängeln. Verlassene Landbahnhöfe folgen aufeinander. Casetas, Cabañas de Ebro, Pedrola, Gallur, unmerklich, der Übergang von Catalonia nach Navarra, Cortes de Navarra, Ribaforada, Tudela de Navarra, Castejón de Ebro, Villafranca de Navarra, Marcilla de Navarra, Tafalla, Pamplona / Ituña Estación. Die meisten von ihnen vernachlässigt und altersschwach. Defekte Uhren die irgendwann aufgegeben haben. Die Zeit erstarrt.
Gemächlich gleitet der Zug durch die katalanische Landschaft. Die Fenster sind zur Hälfte mit Graffiti bedeckt. Schwarze, rote und grüne Spitzen, die etwas Scharfes, Stechendes haben. Trotzdem gelangt mein Blick nach draußen. Die Landschaft, die vorüberzieht wie auf einem Schirm, ist trocken. Ein mattes Grün, sandbraun gefleckt. Unter einem bleigrauen Himmel macht das Land einen verschmutzten Eindruck. In der Ferne Hügel, eine Barriere, unüberschaubar. Wie wohl das Land auf der anderen Seite aussieht? Nichts lädt mich zum Wandern ein.

Freitag, 14. März 2025

Endstation Burgos


Nach und nach, Schritt für Schritt verkleinert sich
alles auf ein natürliches Maß. Die Reduzierung
aufs Wesentliche intensiviert das bewusste Erleben.

Achill Moser

Die Sentenz vom Weg, der das Ziel ist, inzwischen zum Kalenderspruch avanciert, den jeder kennt und gerne zitiert, suggeriert die Parallelität von Gehen und Leben, von der Fußreise, die eine Reise durch das eigene Leben ist, von Entscheidung zu Entscheidung, wie von Ort zu Ort, Schritt für Schritt, ohne sich stets eines konkreten Ziels bewusst zu sein. Auf meinen Fußreisen habe ich gelernt, einen einmal gefassten Plan loszulassen und mich dem Hier und Jetzt hinzugeben.

Mittwoch, 12. März 2025

In Pamplona


Wenn es um den Jakobsweg geht,
tut man sowie nie, was man will. Man
mag alle möglichen Vernuftsgründe
ins Feld führen und Pläne aufstellen
- am Ende trägt der Weg den Sieg
davon.

Jean-Christophe Rufin

An Barcelonas Arc de Triompf herrscht morgens vor acht Rush Hour. Die Waggons der Metro nach Barcelona Sants quellen über. Mit Mühe quetsche ich mich zwischen die Fahrgäste, die irgendwo hin zu ihrer tödlichen Routine eilen. Körperkontakt vor dem Frühstück ist nicht mein Fall. Im Bahnhof Sicherheitskontrollen wie am BER-Airport. Nur ohne Körperscan.
Der Schnellzug nach Madrid ist voll besetzt. Außer mir steigen nur ein paar weitere Fahrgäste in Zaragosa aus. Als ich den Bahnhof sehe, bin ich froh, nicht den Nachtbus genommen zu haben. Mitten in der kalten Nacht, von drei bis sechs, auf den Anschlusszug nach Pamplona zu warten, wäre kein Vergnügen geworden. Das Bahnhofsgebäude ist riesig, und trotzdem provinziell, die Umgebung nüchtern. Urban und leer. Ein Casa de Pinchos, keine Cafeteria, keine Bar, kein Kaffee. Als ich ankomme, hat der Zug nach Pamplona noch keinen Bahnsteig. Gelangweiltes Warten.

Montag, 10. März 2025

Was zuvor geschah


[El camino] está nuestra canción
Es cómo el viento, el mar y el sol
Tiene el calor de verdad,
la felicidad

Pedro Alonso feat. Tristan Ulloa

Seit meiner Kindheit kenne ich das Phänomen, das die Zoologen Zugunruhe nennen, nur zu gut. Mich hat es schon immer hinausgezogen, in die Nachbarschaft, in die Umgebung, in andere Gegenden, hinaus in die Welt. Ich erinnere mich gut daran, wie ich mit fünf Jahren das erste Mal von zu Hause weggelaufen bin, von der Polizei gesucht und nach Hause gebracht werden musste. Weglaufen haben es die anderen genannt. Ich hatte nicht die Absicht, mich davon zu machen, mir überhaupt nichts dabei gedacht. Alles war neu und interessant.

Mittwoch, 5. März 2025

Auf den Spuren der Kerkelings


And take me disappearing through the smoke rings of my mind
Down the foggy ruins of time
Far past the frozen leaves
The haunted frightened trees
Out to the windy beach
Far from the twisted reach of crazy sorrow
Yes, to dance beneath the diamond sky
With one hand waving free
Silhouetted by the sea
Circled by the circus sands
with all memory and fate
Driven deep beneath the waves
Let me forget about today until tomorrow

Bob Dylan

Eigentlich beginnt eine Pilgerfahrt jeden Tag neu.
Hape Kerkeling

Jetzt, wo ich mich entschieden habe, dem französischen Weg eine Chance zu geben, habe ich zwei sehr unterschiedliche Bücher zum Thema gelesen, die irgendwann in meinem Bücherregal landeten. Eins davon war Hape Kerkelings Camino-Buch mit dem lockeren Titel Ich bin dann mal weg. Das andere, Auf dem Jakobsweg. Tagebuch einer spirituellen Reise zu vorchristlichen Kultstätten, schrieb der Musiker und Amateur-Keltologe Ferdinand Ledwig. So verschieden die beiden Bücher sind, so verbindet sie das Bekenntnis der Autoren, spirituelle Erfahrungen auf dem Weg gemacht zu haben. Kerkelings Buch schenkte mir meine Tochter, als der Film 2015 in die deutschen Kinos kam, und sie an der Promotion beteiligt war. Teil des Merchandisings. Ich habe es jetzt gelesen, nachdem es jahrelang unbeachtet in meinem Regal stand, weil der französische Weg, inzwischen als Pilgerautobahn verrufen, für mich eigentlich nie in Frage kam. Trotzdem hat mich der Gedanke, ihn eines Tages doch noch zu gehen, nie ganz verlassen.

Sonntag, 5. März 2023

Die letzten Schritte


Entfalte deine Gedanken zu den milchweißen Spuren,
die noch kein Unbesonnener zu träumen gewagt hat.

Hawad

Ich habe es mir anders überlegt. Über dem Weg nach Muxía, über das Kap am Ende der Welt hinaus, hängt der Nimbus der Vermeidung der Endlichkeit. Wer aber einen schönen Trauum geträmt hat, erzählt uns Wilhelm Schmidt, mag in der Realität nicht mehr leben. Der Weg nach Muxía ist kein Camino de Santiago mehr. Schon die hundert Kilometer nach Finisterre Jakobsweg zu nennen, fällt mir schwer. Und jetzt auch noch die zusätzlichen dreißig Kilometer nach Muxía: Unmöglich! Die Pilgerfahrt endet in Santiago de Compostela, am Grab des Apostels. Jenseits der Jakobusstadt beginnt die profane Wanderung durch das schöne Galicien. Der wahre Pilger beendet seine Fußreise auf dem Sternenfeld, vor der Kathedrale in Santiago de Compostela. Was folgt ist Tourismus.
Nach der wochenlangen Fußreise fällt es mir plötzlich schwer stehen zu bleiben, morgens nicht mehr meinen Rucksack zu packen, ihn zu schultern, und nach einem kargen Frühstück weiterzugehen, immer weiterzugehen. Den ganzen Tag unterwegs im Freien, nur zum Schlafen unter ein Dach zu kriechen. Die Sonne, den Wind und den Regen, ungefiltert auf der Haut zu spüren. Wie habe ich mein Leben bisher nur ohne diese täglichen Atmosphären verbringen können, es ausgehalten, mich fast den ganzen Tag sitzend in Räumen aufzuhalten.